Land- und ForstarbeiterInnen litten früher häufig an Krankheiten der Atemwege, aber vor allem an den Folgen der schweren körperlichen Arbeit. PRO-GE
Gewerkschaftsgeschichte

Rotierende Augäpfel, Bäckerbeine und Zaubersprüche 

Eine kurze Geschichte der Berufskrankheiten 

In der Papierfabrik Schlögelmühle in Gloggnitz starben zwischen 1853 und 1869 40 Frauen und im Jahr 1870 nochmals sechs. Alle erlagen einer Berufskrankheit, der „Hadernkrankheit“.   

Die Arbeiterinnen sortierten Hadern (Stofffetzen), die nicht nur stanken und verdreckt waren, sondern auch mit Krankheitserregern verseucht waren. Ärzte konnten die „Hadernkrankheit“ damals nicht genau definieren und deshalb entstanden immer wieder Verschwörungstheorien. Etwa, als einige mit gelbem Pulver bedeckte Ballen angeliefert wurden und dazu ein Blatt Papier mit einem Zauberspruch gefunden wurde. Das gab genug Anlass zu widersinnigen Spekulationen. 

Deshalb wurde ein Arzt in die Sortierhalle geladen, um die Arbeitsbedingungen zu untersuchen. Er fand mit Krankheitskeimen, Eiter und Jauche kontaminierte Hadern sowie massenhaft Staub und erkannte, dass dies die Urheber für Bronchitis oder Tuberkulose sowie die geheimnisvolle Krankheit (man vermutete Milzbrand) waren, die so vielen Frauen das Leben gekostet hatte. Sein Vorschlag, die Hadern vor der Sortierung zu waschen, wurde jedoch von der Geschäftsleitung aus Kostengründen abgelehnt. 

GrubenarbeiterInnen litten vor allem an Hakenwürmern und einer seltsamen Augenkrankheit. PRO-GE

Rotierende Augäpfel und abfallende Fingernägel  

Aber nicht nur die Hadernsortiererinnen erkrankten wegen ihres Berufs. Im späten 19. Jahrhundert gab es in fast allen Berufen spezielle Krankheitsbilder. GrubenarbeiterInnen litten unter Hakenwürmern, die zu chronischen Blutverlust führten, hervorgerufen durch schmutziges Trinkwasser, oder an einer seltsamen Augenkrankheit: die Augäpfel rotierten minutenlang in verschiedene Richtungen, verursacht durch die fehlende Beleuchtung in den Stollen.  

Die Eisenbahner hingegen hatten ob der permanenten Erschütterungen während der Fahrt Taubheitsgefühle in den Extremitäten und wegen des ständigen Lärms Gehörshalluzinationen. Gärtner laborierten hingegen oft an Lungenentzündungen, Zimmerleute und Tischler an chronischen Entzündungen der Arm- und Beinmuskulatur.   

Besonders hart traf es TelegrafInnen, sie verfielen „Geistesstörungen“ (Psychosen). TabakarbeiterInnen starben an Pellagra, ausgelöst durch einseitige Ernährung und ironischerweise an Mangel von Nicotinsäure. Die Knie der Bäcker verformten sich ob des langen Stehens zu sogenannten Bäckerbeinen (X-Beine) .

Der Mehlstaub verkleisterte die Atemwege der Müller - er war kaum aushustbar und führte nicht selten zu tödlichen Lungenemphysemen. Eine Vielzahl der ArbeiterInnen litt an Rheuma oder Hautkrankheiten und verstarben oft an der „Wiener Krankheit“, der Tuberkulose. Die Lebenserwartung der ArbeiterInnen lag Ende des 19. Jahrhunderts bei rund 30 Jahren.   

ArbeiterInnen konnten sich ob der niedrigen Löhne keine gesunden Wohnungen und auch nicht genügend Lebensmittel leisten. Kammler/ÖGB-Archiv

 Niedrige Löhne und lange Arbeitszeiten  

Zurückzuführen waren viele dieser Berufskrankheiten einerseits auf schlechte Löhne, die Menschen konnten sich kaum Nahrung leisten und Großfamilien lebten in kleinsten Wohnungen ohne sanitäre Anlagen; andererseits aber auch auf die Praxis, dass „Kost und Logis“ Teil der Bezahlung war. Die ArbeitgeberInnen sparten jedoch bei Unterkunft und Verpflegung. So schliefen Kellner laut Zeitungsberichten etwa „in den stinkenden Hundelöchern der Gasthäuser zwischen Kehricht und Schmutzwäsche” und aßen und tranken nur das, was die Gäste übriggelassen hatten.   

Bäcker schliefen nach langen Arbeitstagen in feuchten Backstuben voller Mehlstaub und Ungeziefer und mussten sich oft ein Bett teilen – die Bettwäsche wurde bestenfalls alle sechs Wochen, im schlimmsten Fall einmal im Jahr gewechselt. All das waren Brutstätten für Infektionskrankheiten - und es war Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Den Unternehmern war Arbeitssicherheit jedoch zu teuer. ArbeiterInnen zahlten dafür mit ihrem Leben.    

Bäckerbeine waren im 19. Jahrhundert neben Tuberkulose eine weit verbreitete Berufskrankheit. PRO-GE

 Kranken- und Unfallversicherung  

Mit der Einführung der Arbeiter-Krankenversicherung (1888) und der Unfallversicherung (1887) verbesserte sich die Lage der erkrankten ArbeiterInnen etwas. Zumindest erhielten sie bei Arbeitsunfällen von der Unfallversicherung Unterstützungszahlungen – aber nicht für Berufskrankheiten sowie derer Folgen – dies sollte noch bis 1928 dauern.  

Der damalige Bundesminister für soziale Verwaltung (heute Sozialminister), Josef Resch (CS), gab im September 1928 zwei Verordnungen heraus. Eine für Angestellte und eine für ArbeiterInnen. Beide enthielten eine Liste von Stoffen, die Berufskrankheiten hervorrufen, wie Blei, Chrom, Arsen, Quecksilber. Sie enthielt auch Erkrankungen wie Milzbrand oder die von Tieren auf Menschen übertragene Krankheit Rotz (schmerzhafte Entzündungen, blutige Geschwüre und hohes Fieber). Bei den ArbeiterInnen kam noch der Glasbläserstar (Grauer Star) dazu.

Mit der Verabschiedung des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (1955) kam auch die Liste der Berufskrankheiten. Kammler/ÖGB-Archiv

„Anlage 1” des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes  

Mit der Verabschiedung des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes im Jahr 1955 entstand auch die berühmte „Anlage 1“. Diese zählt bis heute jene Stoffe, die Berufskrankheiten hervorrufen sowie durch die Ausübung von Berufen entstandene Krankheiten auf. Die Liste wurde seither recht zögerlich auf heute 53 erweitert.   

Arbeitnehmerschutzkampagne während der Ersten Republik H.Härtlein/ÖGB-Archiv

Mit dem 1972 verabschiedeten Arbeitnehmerschutzgesetz wurden Arbeitgebern für den Schutz des Lebens und der Gesundheit ihrer Beschäftigten bei deren beruflicher Tätigkeit verantwortlich. Außerdem müssen seit damals auch ab einer bestimmten Zahl von Beschäftigten Sicherheitsvertrauensleute und Betriebsärzte bestellt werden. Im Jahr 1994 erging auf Druck der Gewerkschaften dann ein neues Arbeitnehmerschutzgesetz, dass noch wesentlich weitreichender ist.   

Modernisierung der Berufskrankenlisten  

Aber die „Anlage 1“ wurde im Jahr 2013 das letzte Mal erweitert. Deshalb fordert der ÖGB seit Jahren  die Aufnahme von neuen Berufskrankheiten in die Liste – etwa den weißen Hautkrebs, der durch die erhöhte UV-Belastung im Freien entsteht. Außerdem gibt es ob des stetigen technischen Fortschritts mit neuen gesundheitlichen Herausforderungen für die ArbeitnehmerInnen – zum Beispiel durch langes Sitzen und seit 2020 auch noch Corona. Immer wieder infizieren sich ArbeitnehmerInnen in Betrieben mit Covid-19 und leiden an Long-Covid

Noch wehren sich WirtschaftsvertreterInnen und Unternehmen dagegen, sie fürchten zusätzliche Kosten. Aber wie schon 1928, 1955 und 1972 werden sich die Gewerkschaften letztlich wieder durchsetzen.  

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