Erwin Wodicka - wodicka@aon.at
Arbeitslosigkeit

Arbeitslose drohen in Armut abzurutschen

Arbeitsmarktdaten bedeuten keine Entwarnung - Erhöhung des Arbeitslosengeldes längst überfällig

„Die Anfang April verkündeten Arbeitslosenzahlen bedeuten keine Entwarnung - im Gegenteil: Wir haben immer noch 89.000 Arbeitslose mehr als im März 2019 und fast 500.000 Menschen in Kurzarbeit“, betont ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann. Sie verweist darauf, dass es wenig Sinn mache, die Arbeitslosenzahlen mit dem März des Vorjahres, dem absoluten Höhepunkt der Arbeitslosenzahlen, zu vergleichen: „Hier gibt es nichts zu beschönigen”. Bei den wenigen offenen Stellen sei es de facto unmöglich, dass alle schnell wieder Beschäftigung finden, so Schumann.

Wir haben immer noch 89.000 Arbeitslose mehr als im März 2019 und fast 500.000 Menschen in Kurzarbeit.

Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin

Dramatisch ist vor allem die Verdoppelung der Langzeitarbeitslosen - diese Menschen sind besonders von Armut gefährdet. „Dass die Bundesregierung angesichts dessen die Regelung zur erhöhten Notstandshilfe einfach auslaufen lässt, ist nicht nachzuvollziehen”, so Schumann.

Arbeitslosengeld auf 70 Prozent erhöhen 

„All die Betroffenen sind nicht nur irgendwelche Zahlen, sondern Menschen, die teilweise schon Monate mit viel weniger oder sogar nur der Hälfte ihres vorherigen Einkommens leben müssen. Die Erhöhung des Arbeitslosengeldes auf zumindest 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens ist längt überfällig. Ebenso notwendig ist die Weiterführung der erhöhten Notstandshilfe“, fordert Schumann, denn die durchschnittliche Höhe des Arbeitslosengeldes liegt mit knapp 1.000 Euro unter der Armutsgrenze.

Die Erhöhung des Arbeitslosengeldes auf zumindest 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens ist längt überfällig.

Korinna Schumann, ÖGB-Vizepräsidentin

Frisörin aus Salzburg verliert 1.000 Euro im Monat 

Sabine S. (50), Friseurin aus Salzburg

Eine von ihnen: die 50-jährige Sabine S. Sie war über 30 Jahre lang als ausgebildete Friseurin in Salzburg tätig. Bei einer 35-Stunden-Woche hat sie rund 1.670 Euro brutto verdient, inklusive Trinkgeld stieg sie im Schnitt mit 1.750 Euro netto aus. Bis ihr Arbeitgeber sie zu Beginn der Krise kündigen musste. Seit einem Jahr ist die Friseurin nun vergeblich auf Jobsuche. Vom AMS bekommt sie 742 Euro. Damit verliert sie ca. 1.000 Euro netto im Monat – auf das gesamte letzte Jahr gerechnet hat sie inklusive Trinkgeld 14.758 Euro verloren. 

Wer zu Beginn der Krise arbeitslos wurde, zählt jetzt zu den Langzeitarbeitslosen. Damit gehen teils enorme finanzielle Verluste einher. „Zahlreiche Betroffene haben sich in den letzten Monaten verzweifelt an die Gewerkschaften gewandt und berichtet, dass sie mit dem Arbeitslosengeld nicht auskommen“, berichtet die Leitende ÖGB-Sekretärin Reischl.  „Wird das Arbeitslosengeld nicht erhöht, schickt die Politik weiter sehenden Auges in die Armut“, warnt Reischl. 

Durchschnittliches Arbeitslosengeld unter der Armutsgrenze 

In Österreich ist das Arbeitslosengeld im Verhältnis zum letzten Nettoeinkommen mit 55 Prozent relativ niedrig. Der internationale Vergleich bestätigt dies.

Arbeitslose Menschen sind jetzt und waren auch vor der Corona-Krise stark armutsgefährdet. Das durchschnittliche Arbeitslosengeld lag 2019 monatlich bei ca. 984 Euro (Tagsatz von 32,81 EUR) (Quelle: Statista), das ist deutlich unter der Armutsgrenze von 1.286 Euro für einen Einpersonen-Haushalt.

Türkis-Grün will laut Regierungsprogramm den Anteil armutsgefährdender Menschen halbieren, steuert aber gerade in die Gegenrichtung

„Die Aufgabe der Politik sollte sein, Menschen vor Armut zu schützen - und nicht, sie auch noch dort hineinzutreiben“, sagt die ÖGB-Vizepräsidentin. „Entweder hat die Bundesregierung ihre eigenen Vorhaben vergessen oder nicht ernst gemeint“, verweist Schumann auf das türkis-grüne Regierungsprogramm, in dem sich die zwei Parteien vorgenommen haben „den Anteil von armutsgefährdeten Menschen im ersten Schritt zu halbieren.“ Davon ist nichts zu merken. „Denn wenn man dieses Vorhaben ernst nehmen würde, könnte man auf einen Schlag tausende Arbeitslose vor genau dieser Armut schützen und das Arbeitslosengeld endlich auf 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens erhöhen.“

Kassierin verliert 670 Euro im Monat 

KellnerIn verliert 1.897 Euro im Monat

Tourismus und Gastronomie sind die von der Pandemie am stärksten betroffenen Branchen. Entsprechend viele Arbeitslose sind hier zu verzeichnen. Ein Kellner mit einem Durchschnittsverdienst von 2.500 Euro brutto und 250 Euro Trinkgeld pro Woche verdient 2.874 Euro netto im Monat. Verliert er seine Arbeit, steht ihm ein AMS-Tagsatz von 36,56 Euro zu, das sind 977 Euro netto pro Monat. Für einen der vielen arbeitslos gewordenen KellnerInnen bedeutet das einen Jahres-Nettoverlust inklusive Trinkgeld von satten 18.521,40 Euro oder monatlich 1.897 Euro.

Auch in anderen Branchen schaut es schlecht aus: Einer Kassierin in der größten Beschäftigtengruppe im Handel – der ja nicht nur aus den während der Pandemie geöffneten Supermärkten besteht – stehen laut Kollektivvertrag im dritten Jahr ihrer Tätigkeit mindestens 1.700 Euro brutto zu. Verliert diese Kassierin aber die Arbeit – und so ist es im vergangenen Jahr leider vielen gegangen –, steht ihr nur mehr ein AMS-Tagsatz von 31,17 Euro zu, das sind 935,1 Euro netto pro Monat. Das bedeutet einen Jahres-Nettoverlust von 8.039,50 Euro oder monatlich 670 Euro.

KellnerIn verliert 1.897 Euro im Monat

Tourismus und Gastronomie sind die von der Pandemie am stärksten betroffenen Branchen. Entsprechend viele Arbeitslose sind hier zu verzeichnen. Ein Kellner mit einem Durchschnittsverdienst von 2.500 Euro brutto und 250 Euro Trinkgeld pro Woche verdient 2.874 Euro netto im Monat. Verliert er seine Arbeit, steht ihm ein AMS-Tagsatz von 36,56 Euro zu, das sind 977 Euro netto pro Monat. Für einen der vielen arbeitslos gewordenen KellnerInnen bedeutet das einen Jahres-Nettoverlust inklusive Trinkgeld von satten 18.521,40 Euro oder monatlich 1.897 Euro.