Zum Hauptinhalt wechseln
Neue Befragung unter Betriebsrät:innen: Betriebe steigern ihren Erfolg oft auf dem Rücken der Beschäftigten. WavebreakmediaMicro – stock.adobe.com

Mehr Leistung, mehr Stress: Wenn uns die Arbeit krank macht

Neue Befragung unter Betriebsrät:innen: Betriebe steigern ihren Erfolg oft auf dem Rücken der Beschäftigten

Das Wichtigste in Kürze:

  • Viele Betriebe haben ihre Leistung weiter gesteigert – oft durch mehr Druck und Stress für Beschäftigte
  • Immer mehr Arbeit in weniger Zeit macht krank und belastet stark
  • Gleichzeitig fehlen Fachkräfte, weil viele keine Chance bekommen
  • Der ÖGB fordert bessere Arbeitsbedingungen und mehr Mitsprache

Österreichs Betriebe stehen unter Druck. Viele haben in den vergangenen Jahren ihre Leistung gesteigert. Doch dieser Erfolg hat einen hohen Preis. Es gibt klare Gewinner und Verlierer.

Das zeigt der aktuelle Strukturwandelbarometer im Auftrag der Arbeiterkammer (AK) Wien und des ÖGB. Dafür hat das Meinungsforschungsinstitut IFES knapp 1.500 Betriebsratsvorsitzende aus vielen Branchen in ganz Österreich befragt. Die Ergebnisse geben einen seltenen Einblick in den Arbeitsalltag.

Erfolg auf Kosten der Beschäftigten

Auf den ersten Blick wirkt vieles positiv. Über 54 Prozent der befragten Betriebsrät:innen sagen, dass die Produktivität in ihren Unternehmen gestiegen ist. Ein Drittel dieser Betriebe sieht sich sogar im Vorteil gegenüber der Konkurrenz.

Produktivität bedeutet: Wie viel Arbeit in einer Stunde geschafft wird. In einer Fabrik sind das mehr produzierte Teile. In einer Bank bedeutet das weniger Zeit pro Kundenkontakt. In einem Pflegeheim sind es mehr betreute Patientinnen und Patienten.

Das kann teilweise durch bessere Abläufe oder neue Technik passieren. Sehr oft steckt aber etwas anderes dahinter: mehr Druck und mehr Stress.

Viele Betriebsrät:innen berichten genau das. Beschäftigte müssen immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit erledigen. Das wird zur großen Belastung. Der Arbeitsdruck ist deutlich gestiegen. Auch die Arbeitsverdichtung nimmt zu. Das heißt: In derselben Zeit muss immer mehr Arbeit geschafft werden. Beschäftigte arbeiten nicht nur länger, sondern auch intensiver.

„Die arbeitende Bevölkerung ist keine Maschine. Wer das Arbeitstempo ständig erhöht, gefährdet die Gesundheit“, sagt ÖGB Bundesgeschäftsführer Willi Mernyi.

Erhalte jede Woche alle wichtigen Infos rund um die Arbeitswelt!
Jetzt Newsletter abonnieren!

Krank im Job

Die Folgen zeigen sich schnell. Viele Betriebe berichten, dass die Krankenstände steigen.

Noch besorgniserregender ist ein anderer Trend: Viele Beschäftigte kommen auch krank zur Arbeit. Der Druck, immer anwesend zu sein, ist groß. „Das ist nicht akzeptabel. Arbeitnehmer:innen sind kein beliebig austauschbares Humankapital. Dauernder Arbeitsdruck schadet der Gesundheit“, so Mernyi.

Die falsche Suche nach Personal

Gleichzeitig gibt es in vielen Betrieben einen hohen Fachkräftebedarf. 63 % der befragten Betriebsrät:innen sagen, dass es große Probleme gibt, offene Stellen zu besetzen.

Ein wesentlicher Teil dieses Problems ist hausgemacht. Viele Unternehmen geben älteren Arbeitssuchenden, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen oder Personen, die länger arbeitslos sind, zu selten eine Chance. Dabei werden genau diese motivierten Arbeitskräfte dringend gebraucht.

„Wir brauchen klare Regeln, damit ältere Arbeitnehmer:innen gute, sichere und faire Jobs haben. Dafür sind Politik und Unternehmen verantwortlich“, fordert Mernyi.

Frauen im Job: Oft Teilzeit, oft benachteiligt

Diese Ungleichheit zeigt sich auch bei Frauen. Viele Betriebe stellen zwar Menschen mit Betreuungspflichten ein – das betrifft meist Frauen – und bieten Teilzeit an.

Was zunächst positiv klingt, hat oft Nachteile: Frauen arbeiten viel öfter in Teilzeit als Männer, verdienen dadurch weniger, machen seltener Karriere und bekommen später deutlich weniger Pension.

„Personalpolitik ist oft noch nicht fair. Es braucht echte Gleichstellung: gleiche Chancen, faire Bezahlung und Arbeitszeiten, die zum Leben passen“, so der ÖGb-Bundesgeschäftsführer.

Echte Lösungen statt Ausbeutung

ÖGB und Arbeiterkammer fordern ein Umdenken. Erfolg darf nicht auf ständig wachsendem Arbeitsdruck beruhen.

Stattdessen sollten Betriebe mehr in Weiterbildung investieren. Auch die Betriebsratsvorsitzenden sehen das so. Für sie ist Qualifizierung der wichtigste Weg zu echter Produktivität. Doch nur rund ein Drittel der Betriebe setzt das um.

Auch Technologie muss sinnvoll eingesetzt werden. Digitalisierung, Automatisierung und KI sollen die Arbeit erleichtern – nicht zusätzlichen Druck erzeugen.

Wichtig ist auch, die Beschäftigten einzubinden. Sie kennen ihre Arbeit am besten. 6 von 10 der Befragten sagen, dass Beschäftigte stärker in Entscheidungen einbezogen werden sollten. In der Praxis passiert das aber nur in einem von neun Betrieben.

Wo Betriebsräte stark sind, wird Arbeit besser

Betriebsräte spielen eine wichtige Rolle. Sie vertreten die Interessen der Beschäftigten und bringen ihre Erfahrungen ein.

Die Studie zeigt: Wo Betriebsräte gut eingebunden sind, funktioniert die Zusammenarbeit besser. Die Kommunikation zwischen Betriebsrat, Beschäftigten und Management hat sich oft verbessert.

Gleichzeitig gibt es auch Probleme. In manchen Betrieben werden Betriebsräte weniger einbezogen. Das ist ein Problem, denn Beschäftigte kennen ihre Arbeit am besten.

Nur wenn sie mitreden können, entstehen bessere Lösungen. Mehr Mitsprache bedeutet mehr Fairness – und bessere Arbeit.

Gesundheit schützen

Klar ist: Echte Produktivität entsteht nicht durch Dauerstress. Sie entsteht durch gute Ausbildung, kluge Abläufe und gesunde, motivierte Beschäftigte.

Das ist nicht nur wirtschaftlich sinnvoll, sondern auch menschlich notwendig. Arbeit darf nicht krank machen.

Die Gesundheit der Beschäftigten ist die wichtigste Grundlage unserer Wirtschaft. Gute Arbeitsorganisation und echte Gesundheitsförderung sind entscheidend für langfristigen Erfolg.

Die Herausforderungen sind bekannt, die Lösungen liegen am Tisch. Jetzt braucht es konsequentes Handeln. „Die Chancen sind da. Jetzt sind die Unternehmen am Zug. Wer in seine Beschäftigten investiert, wird langfristig erfolgreicher sein“, sagen die AK Direktorin Silvia Hruška-Frank und ÖGB Bundesgeschäftsführer Mernyi abschließend.

Das könnte dich auch interessieren: