Arbeitszeit
Teilzeit ist kein Lifestyle
Neue Zahlen zeigen: Jede zweite Fraue arbeitet Teilzeit - aber nicht freiwillig
Das Wichtigste in Kürze
- Die allermeisten arbeiten unfreiwillig in Teilzeit
- Hauptgründe: Betreuung, Pflege, Gesundheit, keine Vollzeitstellen
- Frauen arbeiten Teilzeit wegen Betreuungspflichten
- Aufstockung der Stunden scheitert an Arbeitgebern
- Es braucht flächendeckend Kinderbetreuungs- und Pflegeplätze, altersgerechte Arbeitsplätze, Vollzeitstellen und Arbeitszeitverkürzung
Teilzeit ist kein Lifestyle. Teilzeit ist harter Alltag neben unbezahlter Care-Arbeit. Für viele ein Zwang. Für manche eine bewusste Entscheidung. Und beides ist in Ordnung.
Doch was aktuell in der politischen Debatte passiert, ist zynisch und respektlos gegenüber Millionen Arbeitnehmer:innen in Österreich. Es wird nicht über Lösungen gesprochen, sondern den Arbeitnehmer:innen die Schuld gegeben.
Eine aktuelle Auswertung des WIFO auf Basis des Mikrozensus im Auftrag der AK bestätigt erneut, dass Teilzeit in Österreich weiterhin stark ungleich verteilt ist: Jede zweite Frau arbeitet Teilzeit, aber nur jeder achte Mann. Besonders groß ist der Unterschied bei Eltern: Mit Kindern unter 15 Jahren arbeiten 79,5 Prozent der Frauen Teilzeit, bei Männern sind es nicht einmal acht Prozent. Hauptgrund sind Betreuungspflichten, die überwiegend von Frauen übernommen werden.
Gleichzeitig möchten rund 170.000 Teilzeitbeschäftigte ihre Arbeitszeit ausweiten. Österreich liegt zudem im EU-Vergleich weit zurück, was Kinderbetreuungsangebote betrifft – ein zentraler Faktor dafür, dass viele Frauen nicht oder nur eingeschränkt Vollzeit arbeiten können.
Für die ÖGB-Frauen ist klar: Teilzeit ist für viele Frauen keine echte Wahl, sondern eine Folge fehlender Gleichstellung und unzureichender Rahmenbedingungen. Es braucht bessere Bedingungen für eine partnerschaftliche Aufteilung der Karenz sowie echte Unterstützung der Betriebe, die Umsetzung des ÖGB/AK-Familienarbeitszeit-Modells, Ausbau der Kinderbildung und -betreuung sowie einen Rechtsanspruch auf Aufstockung der Arbeitszeit für Teilzeitbeschäftigte. Außerdem müssen Mehrstunden wie Überstunden bezahlt werden.
Wir wollten von den Betroffenen selbst wissen, warum Menschen Teilzeit arbeiten. Hunderte haben uns geschrieben. Die Antworten bestätigen: Fehlende Kinderbetreuungs- und Pflegeplätze, Gesundheit und Krankheit oder keine Vollzeitarbeitsplätze sind die Gründe.
„Ich würd ja gern mehr arbeiten – aber wer passt dann auf mein Kind auf?“
Als mein Sohn 18 Monate alt war, stieg ich mit 18 Stunden wieder in den Job ein. Mein Vater übernahm die Betreuung. […] Mit Schulbeginn wurde die Kinderbetreuung deutlich schwieriger. Bei uns im Ort gab es keine flexible Nachmittagsbetreuung. Außerdem bedeutet Schule 14 Wochen Ferien, die man als Eltern überbrücken muss.
Das ist keine Ausnahme, das ist Realität. In Österreich arbeiten rund 50 Prozent der Frauen in Teilzeit. Und das nicht, weil sie nach einem entspannten Leben suchen – sondern weil sie keine andere Wahl haben.
Nach einer Krebserkrankung und Chemotherapie musste ich auf 30 Stunden reduzieren. Mehr ging nicht. Ich weiß, dass ich nur mit Teilzeit eine Möglichkeit habe, bis zur Pension durchzuhalten.
Ich arbeite als Uni-Assistentin 30 Stunden, schreibe eine Doktorarbeit - mit Lehrauftrag, Projektarbeit […] komme ich auf weit über 30 Stunden. Das Konzept Überstunden gibt es nicht. Viele an Unis haben unter diesen Bedingungen mit Burnout zu kämpfen - und das alles bei nur „Lifestyle Teilzeit."
„Nur mit Teilzeit schaffe ich es, bis zur Pension durchzuhalten“
Nicht alle Jobs sind bis zur Pension in Vollzeit machbar. Sei es am Bau, in der Pflege oder in der Gastronomie. Wer jahrelang körperlich oder psychisch enorm gefordert ist, muss Stunden reduzieren. Altersgerechte Arbeitsplätze oder alternative Arbeitszeitmodelle können hier unterstützen.
Als ich, nachdem meine Mädels in der Oberstufe waren, die Stunden aufstocken wollte, sagte mein Chef: Bevor ich dir die Stunden gebe, gebe ich sie lieber einem Mann.
Nach der Karenz kehrte ich mit 20 Stunden zurück, in denen ich 75 Prozent meiner Vollzeitarbeit erledigt habe. Oft musste ich länger bleiben und hatte unbezahlte Mehrstunden. Die Arbeitszeit zu erhöhen, wurde von der Firma abgelehnt. Fazit: Ich würde gerne mehr arbeiten, möchte dies aber auch bezahlt bekommen.
Andere entscheiden sich nach längerer oder bei chronischer Krankheit für Teilzeit, weil das die einzige Möglichkeit ist, überhaupt weiter arbeiten zu können.
„Bevor ich dir die Stunden gebe, gebe ich sie lieber einem Mann“
Wenn jemand entscheidet, dass er mit einem Teilzeitjob leben kann, dann soll er das doch. Er bekommt ohnehin weniger Pension. Er lebt dann auch sparsamer und wenn er nicht so viel Stress hat, ist er vielleicht auch gesünder? Mich nerven diese „Jeder gegen Jede" Hetzereien.
Was es braucht, sind Rahmenbedingungen, die echte Wahlfreiheit ermöglichen:
- Flächendeckende, ganztägige Kinderbetreuung ab dem ersten Geburtstag
- Pflege, die nicht auf den Schultern von Angehörigen abgeladen wird
- Gesunde Arbeitsbedingungen, damit Vollzeit nicht krank macht
- Faire Bezahlung – auch für Teilzeitkräfte
- Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich
Viele würden gern mehr arbeiten, wenn die Kinder älter sind. Oft lehnen Firmen das ab. Einen Rechtsanspruch darauf gibt es nicht. Es liegt also nicht daran, dass Arbeitnehmer:innen nicht wollen, sondern viele Arbeitgeber keine Vollzeitstellen anbieten.
Wahlfreiheit statt Schuldzuweisung
Jede:r soll selbst zu entscheiden, wie viel sie oder er arbeiten will – und kann. Ob das aus familiären Gründen, aus gesundheitlichen oder ganz einfach aus dem Wunsch nach mehr Lebensqualität passiert, spielt keine Rolle.