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Die Gewerkschafterin, Betriebsrätin, Staatssekretärin und Volksanwältin Franziska Fast (1971) Cerny

Gewerkschaftsgeschichte

„Eine Frau als Sekretär geht nicht!“ – Und wie Franziska Fast es einfach tat

Ihr Weg vom Fließband bis ins Staatssekretariat war kein eleganter Aufstieg, sondern ein harter Marsch durch Institutionen, die für Frauen keine Türen vorgesehen hatten

Es gibt Momente, die ein ganzes Leben zusammenfassen. Für Franziska Fast war es dieser eine Tag im Jahr 1965, als sie als erste Frau den Posten der Bezirkssekretärin bei der Gewerkschaft Metall-Bergbau antrat. Ihre männlichen Kollegen waren entsetzt. „Was machst du, wenn ein Betrieb streikt, wo lauter Männer sind?“, fragten sie hämisch.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Nur eine Woche später stand der erste Streik an. Als Franziska vor die streikenden Männer trat, schlug ihr blankes Entsetzen entgegen. „Na so was, da schickt uns die Gewerkschaft eine Frau“, raunten die Arbeiter. Doch am Ende des Tages hatten sie nicht nur einen Sieg errungen, sondern auch gelernt: Wer Franziska Fast unterschätzt, hat schon verloren.

Franziska Fast Infobox

  • Lebensdaten: 18. Mai 1925 – 19. Oktober 2003
  • Erlernter Beruf: Angelernte Emailaufträgerin
  • 1931–1939: Schulausbildung
  • 1951: Angelernte Emailaufträgerin und Betriebsrätin
  • 1953–1961: Betriebsrätin und stellvertretende Betriebsratsvorsitzende
  • 1961–1965: Betriebsratsvorsitzende („Betriebsratsobmann“)
  • 1965–1980: Frauen- und Ortsgruppensekretärin der Gewerkschaft Metall-Bergbau
  • 1965–1988: Zentralvorstandsmitglied
  • 1971–1983: Stellvertretende Vorsitzende der Frauen im ÖGB
  • 1973–1979: Mitglied des Wiener Gemeinderates
  • 1980–1988: Vorsitzende der Frauensektion der GMBE & Vorsitzende-Stellvertreterin
  • 1979–1983: Staatssekretärin im Bundesministerium für soziale Verwaltung
  • 1983: Nationalrätin (Juni)
  • 1983–1989: Volksanwältin

 

Hunger als Lehrmeister

Geboren am 18. Mai 1925 in Wien, war ihr Weg alles andere als vorgezeichnet. Franziska wuchs in extremer Armut auf: Sechs Personen auf 35 Quadratmetern in Ottakring, ohne fließendes Wasser, das WC am Gang. Der Hunger war ihr ständiger Begleiter, was die Ärzte später als „Ernährungsschock“ bezeichneten – sie blieb zeitlebens nur 1,55 Meter groß.

1934 erlebte sie als Kind, wie das Militär mit Feldhaubitzen auf den Gemeindebau Sandleiten schoss. Diese Bilder von Gewalt und Not brannten sich ein. Ihr Traum, Lehrerin zu werden, zerplatzte an der Armut; mit 15 Jahren musste sie arbeiten gehen, um die Familie durchzubringen.

Sofort nach dem Hauptschulabschluss im Jahr 1939 musste sie das sogenannte „Pflichtjahr im Haushalt“ – eine Zwangsmaßnahme der Nationalsozialisten – absolvieren. Ein Jahr lang arbeitete sie für 50 Pfennig Monatslohn als „billiges Dienstmädel“ in einem Gasthaus.

„Mich hat damals furchtbar gekränkt, dass jemand kommt und sagt, du 'musst' vom Elternhaus weg und 'musst' in Dienst gehen“, erzählte sie ihrem Biografen Robert Jellinek 1995. Nach dem Pflichtjahr und den Kriegsjahren in einer Werksküche suchte sie 1945 einen Neuanfang – und sie setzte sich wieder durch.

Franziska Fasts Anliegen war mehr Frauen in männerdominierte Berufe zu bringen. Hier bei einem Betriebsbesuch in einer Tischlerei. IHSF

Die „goscherte Franzi“

Fast wusste, wie es sich anfühlt, wenn die Existenz am seidenen Faden hängt. Sie hatte gesehen, wie Kolleginnen vor ihren Chefs auf Knien um ihren Arbeitsplatz flehten, und selbst Diskriminierung erlebt: Einen Job in einer Wäscherei bekam sie nicht, weil sie im „gebärfähigen Alter“ war. 1951 begann sie schließlich als angelernte Emailaufträgerin bei Austria-Email. In der Fabrik herrschte ein rauer Ton, Ungerechtigkeit war an der Tagesordnung. Doch Franziska Fast war nicht bereit, wegzusehen.

1953 wurde sie zur Betriebsrätin gewählt. Im Betrieb setzte sie sich für Lohnerhöhungen – vor allem für alleinerziehende Frauen – ein und wehrte Akkordkürzungen und Kündigungen ab. Diese Ungerechtigkeiten waren der Treibstoff für ihren Widerstand und schließlich auch für ihren Aufstieg. Die „goscherte Franzi“ ließ sich nicht den Mund verbieten – weder von Seilschaften im Betrieb noch von den starren Hierarchien der Nachkriegszeit. Sie erkannte aber auch, dass Mut allein nicht reicht: Man braucht Wissen.

Gegen den Rat vieler drückte sie mit 34 Jahren noch einmal die Schulbank und schloss 1961 als einzige Arbeiterin die Sozialakademie in Mödling mit Auszeichnung ab. Sie bewies damit, dass Bildung die schärfste Waffe im Klassenkampf ist.

Im Jahr 1971 traten diese vier Frauen für die Schließung der Lohnschere und Gleichberechtigung in der Arbeitswelt ein. Von links: Franziska Fast, Maria Metzker, Grete Rehor und Edith Eder. ÖGB-Archiv

Der Marsch durch die Institutionen

Ab 1965 wechselte sie hauptberuflich in die Gewerkschaft Metall-Bergbau (GMB) und übernahm bis 1980 die Rolle als Frauen- und Ortsgruppensekretärin. Sie betreute rund 8.000 Mitglieder in 30 Betrieben. Franziska Fast wusste: Wenn Frauen nicht in die Führungsgremien kommen, ändert sich nichts an den „Leichtlohngruppen“, in denen Arbeiterinnen systematisch schlechter bezahlt wurden.

Ihr Weg vom Fließband bis ins Staatssekretariat unter Bruno Kreisky war ein harter Marsch durch Institutionen, die für Frauen wie sie eigentlich keine Türen vorgesehen hatten. Bundeskanzler Bruno Kreisky erkannte in ihr das, was die Gewerkschaftsbewegung bis heute ausmacht: eine „beinharte Steherin“, die keine Angst vor der ersten Reihe hat.

Die Angelobung der Staatssekretärinnen, 1979. Von links Johanna Dohnal, Anneliese Albrecht, Franziska Fast, Beatrix Eypeltauer. Votava

Staatssekretärin unter Kreisky

1979 holte Kreisky sie in die Regierung. Er suchte keine Theoretikerin, sondern ein „Naturtalent“ von der Basis. Als Staatssekretärin im Bundesministerium für soziale Verwaltung (1979–1983) machte sie die Diskriminierung von Frauen sichtbar. Mit Kampagnen wie „Was Evchen nicht lernte, lernt Eva jetzt doch“ brach sie Rollenklischees auf. Die Zahlen gaben ihr recht: Die Zahl der Mädchen in Metallberufen stieg von 457 (1974) auf 700 (1981) an.

Die „rote Kämpferin für Gleichberechtigung“ kam Anfang der 1980er-Jahre mit dem Plan heraus, den Karenzurlaub nach der Geburt eines Kindes wahlweise auch dem Ehemann zu ermöglichen. Sie erntete dafür damals „homerisches Gelächter“. Im Hintergrund arbeiteten jedoch die Arbeiterkammer und die Gewerkschaft bereits daran, wie dieser wegweisende Vorschlag umgesetzt werden könnte.

Franziska Fast beim Bundespensionist:innenausschuss, 1995 Mannsberger

Frau Volksanwältin

Nach ihrer Zeit im Ministerium und einem kurzen Gastspiel als Nationalrätin wurde sie 1983 als erste Frau zur Volksanwältin gewählt (bis 1989). Hier war sie das Auffangbecken für die Sorgen der „kleinen Leute“. Ob es um Waisenpensionen oder soziale Härten ging – Franziska Fast blieb die Anwältin derer, die sonst keine Stimme hatten.

Selbst im Ruhestand blieb sie eine Rekord-Amthalterin: Sie übernahm den Vorsitz der Wiener Volkshilfe und des ÖGB-Bundespensionistenausschusses – und das alles ehrenamtlich. Bereits ab 1981 verzichtete sie konsequent auf ihr ÖGB-Gehalt. Franziska Fast verstarb am 19. Oktober 2003. Sie hat uns eine Lektion hinterlassen, die heute aktueller ist, denn je: Rechte werden einem nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Mit Sachverstand, mit Mut und – wenn es sein muss – mit einer ordentlichen Portion „Goschn“.

 

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