Zum Hauptinhalt wechseln
GAP-Obmann (heute GPA) Friedrich Hillegeist beim 3. ÖGB-Bundeskongress 1955 Makart (mit KI erweitert)

Friedrich Hillegeist: Der Vater des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes

Die vielen Leben des Friedrich Hillegeist: Betriebsrat, Widerstandskämpfer, Häftling in einem Konzentrationslager, Gewerkschaftsobmann und Mitbegründer des Sozialstaats

Friedrich Hillegeist wurde 1895 in Wien geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen bei seinem Großvater im Sudetenland auf. Dass er die Handelsakademie in Olmütz besuchen konnte, war nur durch die großen Entbehrungen seiner Mutter, einer Handarbeitslehrerin, möglich.

Im November 1913 kehrte Hillegeist nach Wien zurück und begann seine berufliche Laufbahn als kaufmännischer Angestellter bei Siemens & Schuckert. Schon kurz nach seinem Eintritt engagierte er sich der Gewerkschaftsbewegung. 1920 wurde er zum Betriebsrat und ein Jahr später zum Obmann des Gesamtbetriebsrats gewählt, wo er die Verantwortung für rund 3.000 Beschäftigte trug.

In den Krisenjahren der Ersten Republik war die grassierende Arbeitslosigkeit die größte Bedrohung. In einem späteren Zeitzeugeninterview mit der GPA erinnerte er sich:

„Damals war die Arbeitslosigkeit das schwierigste und für uns alle das wichtigste Problem. Es war die große Sorge: Wird man seinen Posten behalten? Und da hatten wir natürlich viel zu tun.“

Auch Friedrich Hillegeist war am 11. März 1938 bei der Aktion für Volksbefragung für ein unabhängiges und einiges Österreich dabei Zvacek

Politischer Umbruch und Widerstand

1929 wechselte Hillegeist hauptberuflich zur Gewerkschaft und wurde Fachgruppensekretär für die elektrochemische Industrie. Sein Hauptaugenmerk galt dem Kampf gegen die sogenannten „Gelben Gewerkschaften“ – arbeitgebernahe Organisationen, die die Rechte der Arbeitnehmer:innen zu untergraben versuchten.

Mit den Februarkämpfen 1934 und dem Verbot der freien Gewerkschaften folgte ein tiefer Einschnitt: Hillegeist verlor seinen Arbeitsplatz – ein Ereignis, das er rückblickend als „das Schmerzlichste, was passieren konnte“, beschrieb.

Während er sich offiziell als Vertreter durchschlug, organisierte er als Obmann der freien Angestelltenorganisation im Untergrund den illegalen gewerkschaftlichen Widerstand. Trotz der ständigen Gefahr, durch das austrofaschistische Regime verhaftet zu werden, gelang es ihm und seinen Mitstreiter:innen so großen Einfluss auf die austrofaschistische Einheitsgewerkschaft auszuüben, dass 1936 Betriebsratswahlen stattfanden. Trotz Repressionen seitens der Austrofaschisten, wurde das Ziel erreicht, dass noch immer  sozialdemokratisch und kommunistisch eingestellte Betriebsrät:innen in die Körperschaften gewählt wurden.

Kurz vor dem „Anschluss“ 1938 kam es noch zu einem dramatischen Treffen mit Bundeskanzler Schuschnigg. Ziel war ein gemeinsamer Widerstand gegen die Nationalsozialisten. Dieser Versuch scheiterte daran, dass das Regime nicht bereit war, den Gewerkschaften die geforderten demokratischen Rechte zuzugestehen.

Bleib informiert über deine Arbeitswelt!
Das Wichtigste auf einen Blick

Verfolgung durch den Nationalsozialismus

Unmittelbar nach dem Einmarsch der deutschen Truppen am 12. März 1938 wurde Hillegeist verhaftet. Das Ausmaß der Bedrohung war ihm sofort klar: „Mir wurde bewusst, dass es diesmal ganz ernst werden würde.“ Er wurde in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und erst im April 1940 „probeweise“ entlassen.

In den folgenden Jahren lebte Hillegeist in einem ständigen moralischen und existentiellen Spannungsfeld. Als Geschäftsführer einer „arisierten“ Kohlenhandlung im besetzten Krakau war er zerrissen zwischen der Ablehnung des Unrechtsregimes und der dringenden Notwendigkeit, seine Familie zu ernähren. Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geriet er erneut ins Visier der Gestapo und wurde im berüchtigten Polizeigefängnis Montelupich inhaftiert, jedoch später wieder freigelassen.

Friedrich Hillegeist bei einer ÖGB-Tagung am 1. September 1945 im Wiener Arbeiterheim Blaha

Der Aufbau der Gewerkschaft der Angestellten und das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz

Nach dem Krieg kehrte Hillegeist 1945 sofort in die Gewerkschaftsarbeit zurück. Als Obmann der neu gegründeten Gewerkschaft der Angestellten in der Privatwirtschaft (heute GPA) stand er vor der monumentalen Aufgabe, sieben ehemals getrennte und teils zerstrittene Verbände zu einer schlagkräftigen Organisation zu vereinen:

„Es war eine ungeheure Masse voneinander früher oft feindlich gegenüberstehenden Organisationen [...], die nun mehr auf eine Linie zu bringen unsere größte und schwerste Aufgabe war.“

Nach der Konsolidierung der GPA folgten Meilensteine wie verbesserte Kollektivverträge und die Stärkung der wirtschaftlichen Mitbestimmung.

Seine bedeutendste Leistung blieb jedoch die Gestaltung des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes (ASVG). Sein Ziel war revolutionär: Die Rente sollte nicht nur die Not lindern, sondern den während des Erwerbslebens erreichten Lebensstandard sichern. Als Präsident des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger (ab 1950) trieb er die Verhandlungen voran, bis das Gesetz 1955 verabschiedet wurde. Seither gilt er zurecht als „Vater des ASVG“.

Ein unerschütterliches Credo

Bis zu seinem Rückzug aus dem öffentlichen Leben Ende der 1960er-Jahre blieb Hillegeist eine wichtige Persönlichkeit. Auf seinen Weg blickte er ohne Reue zurück:

„Ich würde ihn [...] mit all den Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten, die ich erlebt habe, wieder gehen und würde, glaube ich, auch eigentlich kaum wesentlich anders handeln.“

Sein Geheimnis für erfolgreiche Politik lag in der Überzeugung statt im Zwang: „Man darf die anderen nicht überstimmen, sondern muss überzeugen und man muss dann das, was man macht, wirklich ehrlich und gemeinsam durchführen.“

Friedrich Hillegeist verstarb am 3. Dezember 1973 in Wien und hinterließ ein Sozialsystem, das bis heute das Rückgrat der österreichischen Gesellschaft bildet.