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Nicht nur bei Gehalt und Lohn an sich, sondern auch, wenn es um höhere Positionen geht, ziehen Frauen oft ungerechtfertigterweise den Kürzeren. auremar - stock.adobe.com
Geschlechtergerechtigkeit

Frauen werden systematisch blockiert

Dass Frauen weniger verdienen als Männer, ist kein individuelles Problem

Immer noch arbeiten Frauen einen großen Teil des Jahres gratis. Das zeigt der „Equal Pay Day” Jahr für Jahr aufs Neue. Selber schuld, meinen manche „ExpertInnen” - Frauen würden einfach die falschen Entscheidungen treffen. Zum Beispiel bei der Jobwahl. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Auf dem Weg zur Gleichberechtigung werden Frauen systematisch blockiert.

Berufswahl ist entscheidend 

Es beginnt bereits in ganz jungen Jahren. Der Großteil der Mädchen und jungen Frauen entscheidet sich für Berufe im Dienstleistungssektor, im Pflege-, Sozial- und Gesundheitsbereich oder im Einzelhandel. Tendenziell also für Berufe, die nicht sehr gut bezahlt sind. Das hat vielfältige Gründe und reicht von fest in der Gesellschaft verankernden Rollenbildern über Erziehung bis zu oft fehlender Information über das bestehende Angebot.

Junge Mädchen müssen daher mehr dazu motiviert werden, sich für technische Berufe in hochbezahlten Industrien zu entscheiden – die sogenannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik). Auf der anderen Seite ist es genauso wichtig, dass mehr Männer Berufe im Sozialbereich wie Pflege und Kinderbetreuung übernehmen. Üben mehr Männer diese Berufe aus, steigen tendenziell auch die Löhne und Gehälter in diesen Branchen. Dazu braucht es zielgerichtete, qualitätsvolle und altersgerechte Berufsinformation in allen Schulstufen.  

Volle Lohntransparenz 

Im Arbeitsleben fällt dann unweigerlich auf: In Österreich wird nicht gerne über Geld gesprochen – zumindest nicht was das Einkommen betrifft. Das ist zum Nachteil aller, aber besonders schadet es Frauen. Denn viele Frauen wissen gar nicht, dass ihre männlichen Kollegen für gleichwertige Arbeit mehr verdienen und können sich daher gegen diese Diskriminierung nicht wehren. Zwar müssen laut Kollektivvertrag gleiche Positionen bei gleicher Qualifikation mit gleichem Lohn bzw. Gehalt abgegolten werden. Arbeitgeber halten sich aber nicht immer daran und falsche Einstufungen oder nicht gerechtfertigte Zulagen nur für einzelne Personen kommen öfter vor, als man glaubt. 

Es braucht daher verpflichtende Einkommensberichte in allen Unternehmen ab 100 ArbeitnehmerInnen, um volle Lohntransparenz zu gewährleisten. Das sei eine Frage der Fairness, unterstreicht ÖGB-Vizepräsidentin Korinna Schumann. Dass die Regierungsparteien nun offenbar darüber verhandeln, die Beschäftigtengrenze für verpflichtende Einkommensberichte von 150 auf 100 zu senken, sieht der ÖGB positiv, es handelt sich hier ja um eine langjährige ÖGB-Forderung.

Aufgedeckte Missstände müssen Konsequenzen haben 

Nur mit einem Blick auf die Lohnzettel ist es aber nicht getan - bei Verstößen muss es auch Konsequenzen geben. Die Ergebnisse der Einkommensberichte müssen verpflichtend evaluiert werden. Wenn sich herausstellt, dass die Einkommensunterschiede zwischen Frauen und Männern im Betrieb sachlich nicht zu begründen sind, müssen Pläne erstellt werden, um die strukturellen und finanziellen Unterschiede auszugleichen. Setzt ein Betrieb keine Maßnahmen, um eine Ungleichbehandlung zu beseitigen, muss das spürbare Folgen für den Betrieb haben.

Die gläserne Decke  

Nicht nur bei Gehalt und Lohn an sich, sondern auch, wenn es um höhere Positionen geht, ziehen Frauen oft ungerechtfertigterweise den Kürzeren. Sie seien nicht qualifiziert, würden sicher bald Kinder bekommen oder müssten sich um die schon vorhandenen Kinder kümmern, sind die Ausreden, wenn es um die Besetzung von Vorständen, Chefetagen oder Leitungspositionen geht – eine gläserne Decke, die Frauen am Vorankommen und an höherem Einkommen hindert.

Das beweist auch ein Blick auf die Zahlen: Nicht einmal acht Prozent der Vorstandsmitglieder in börsennotierten Unternehmen sind weiblich. Von insgesamt 225 Vorstandsmitgliedern sind nur 17 Frauen. Die ÖGB-Gewerkschafsfrauen fordern daher eine EU-Richtlinie zur europaweiten, verpflichtenden Einführung einer Frauenquote in Aufsichtsräten von großen Unternehmen. 

Unbezahlte Arbeit ist Frauensache

Wer glaubt, Frauen würden deshalb weniger arbeiten als Männer, der irrt gewaltig. Denn wer räumt den Geschirrspüler ein? Wer holt die Kinder ab? Wer kümmert sich um die Oma? Diese unbezahlte Arbeit leisten deutlich öfter Frauen als Männer. Laut einer aktuellen Zeitverwendungsstudie der WU Wien arbeiten erwerbstätige Frauen in Österreich im Schnitt zusätzlich 27 Stunden in der Woche unbezahlt, Männer hingegen nur 16 Stunden.  

Kinderbetreuung ausbauen – Vollzeitarbeit ermöglichen

Weil Frauen häufig die unbezahlte Care Arbeit übernehmen, stecken sie bei der Erwerbsarbeit zurück. Das hat negative Auswirkungen auf Gesundheit, soziale Absicherung und eben Karrierechancen. Insgesamt arbeiten 49,7 Prozent der Frauen in Österreich in Teilzeit. Das ist einer der höchsten Werte in der EU – der Durchschnitt der EU-Mitgliedstaaten liegt bei nur 28,6 Prozent. Das führt dazu, dass viele Frauen im Alter finanziell vom Partner abhängig und viel häufiger von Altersarmut betroffen sind. Um hier aktiv gegenzusteuern und mehr Vollzeitarbeit für Frauen zu ermöglichen, fordert der ÖGB einen Rechtsanspruch auf einen kostenlosen Kinderbildungsplatz für jedes Kind ab dem 1. Lebensjahr und einen Ausbau der Betreuungsangebote. 

Väter in Karenz

Zusätzlich zum Ausbau der Kinderbetreuungsangebote vor allem im ländlichen Bereich, braucht es Maßnahmen, die einerseits Frauen ermutigen, mehr bezahlter Arbeit nachzugehen. Andererseits brauchen Männer mehr Anreize, mehr unbezahlte Arbeit zu leisten. Eine Möglichkeit sind Karenzmodelle, die Vätern ermöglichen - wenn Unternehmen sie auch lassen -, mehr Verantwortung in der Kinderbetreuung zu übernehmen. Den Rechtsanspruch auf den Papamonat haben die ÖGB-Gewerkschaftsfrauen als ersten Schritt erkämpft. 

Der Weg zur wirklichen Gleichberechtigung ist allerdings noch ein langer. Solange manch „ExpertInnen” die Augen vor den systematischen Problemen verschließen und den Frauen sagen, sie seien selbst für ihr „Glück” verantwortlich, wird sich nur ganz langsam etwas ändern können. Lohntransparenz, verpflichtend zu evaluierende Einkommensberichte, der Ausbau von Kinderbetreuung und ordentliche Berufsinformation würden den Weg zu echter Gleichberechtigung verkürzen. 

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