Kinderbetreuung ist Arbeit. Die Frage ist nur, wer sie macht
Kinderbetreuung ist Arbeit – zu Hause meist unbezahlt, im Kindergarten ein Beruf. Professionelle Kinderbetreuung ermöglicht Eltern Erwerbsarbeit. Was Care-Arbeit in Österreich wert ist und warum ihr Wert nicht am Lohnzettel hängt
Das Wichtigste zuerst
- Kinderbetreuung ist Arbeit: Zu Hause wird sie meist unbezahlt geleistet, im Kindergarten ist sie professionelle Erwerbsarbeit
- Care-Arbeit ist ungleich verteilt: In Paarhaushalten übernehmen Frauen laut ÖGB-Auswertung rund zwei Drittel der Kinderbetreuung
- Kinderbetreuung ermöglicht Erwerbsarbeit: Der ÖGB fordert deshalb einen beitragsfreien Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag und Öffnungszeiten, die mit Arbeit vereinbar sind
Zu Hause unbezahlt, im Kindergarten bezahlt
Bundeskanzler Christian Stocker hat mit seiner Aussage, er sehe Kinderbetreuung „nicht als Arbeit“, eine breite Debatte ausgelöst. Später bezeichnete er den Satz selbst als falsch und entschuldigte sich.
Wie viel unbezahlte Arbeit in Österreich geleistet wird, zeigt die Zeitverwendungserhebung von Statistik Austria: Frauen und Mädchen kommen im Durchschnitt auf 3 Stunden und 58 Minuten pro Tag, Männer und Buben auf 2 Stunden und 26 Minuten. Bei der Kinderbetreuung ist die Verteilung ebenfalls ungleich: In Paarhaushalten übernehmen Frauen laut ÖGB-Auswertung rund zwei Drittel. Kinderbetreuung wird also nicht erst dann zu Arbeit, wenn dafür ein Lohn bezahlt wird.
Was wäre unbezahlte Care-Arbeit wert?
Eine Möglichkeit, den wirtschaftlichen Wert sichtbar zu machen, ist zu schätzen, was dieselbe Arbeit kosten würde, wenn bezahlte Arbeitskräfte sie übernehmen müssten.
Das Momentum Institut beziffert unbezahlte Sorge- und Haushaltsarbeit in Österreich auf rund 22 bis 23 Prozent des BIP. Den Wert der von Frauen geleisteten unbezahlten Sorgearbeit schätzte es für 2022 auf 57 Milliarden Euro – rund 13 Prozent des BIP.
Je nach Methode fallen die Ergebnisse unterschiedlich aus. Breitere Berechnungen kommen für die gesamte unbezahlte Arbeit auf bis zu 44 Prozent des BIP. Diese Beträge sind keine Bestandteile des offiziell ausgewiesenen BIP, zeigen aber die wirtschaftliche Größenordnung unbezahlter Arbeit.
Ein Kindergartenplatz ermöglicht Arbeit
Wenn Kinder professionell betreut werden, wird Care-Arbeit zu Erwerbsarbeit. Elementarpädagog:innen übernehmen Bildung, Begleitung und Versorgung – dafür braucht es Zeit, Personal, Fachwissen und gute Arbeitsbedingungen. Wie belastend diese Arbeit sein kann, zeigt auch das ÖGB-Umfragevideo zur Elementarpädagogik.
Zugleich schafft Kinderbetreuung Zeit für andere Erwerbsarbeit. Marko Miloradović, Geschäftsführer des Wiener Arbeitnehmer*innen Förderungsfonds, spricht vom „Ermöglichungswert“ von Arbeit: Tätigkeiten sind auch deshalb wertvoll, weil sie andere Arbeit möglich machen. Ein Kindergartenplatz ist damit Bildungs- und Sozialleistung und zugleich Arbeitsmarktinfrastruktur. Der Begriff ist keine offizielle volkswirtschaftliche Kennzahl, macht diesen Zusammenhang aber anschaulich.
Was der ÖGB fordert
Der ÖGB fordert flächendeckende, leistbare und qualitativ hochwertige Kinderbetreuung, einen Rechtsanspruch auf einen beitragsfreien Kinderbetreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag sowie Öffnungszeiten, die mit Erwerbsarbeit vereinbar sind. Dazu braucht es ausreichend Personal und gute Arbeitsbedingungen in der Elementarpädagogik.
Kurz erklärt
Ist Kinderbetreuung zu Hause Arbeit?
Ja. Statistik Austria zählt Kinderbetreuung zur Sorgearbeit in Haushalt und Familie. Unbezahlt geleistet ist sie Teil der unbezahlten Arbeit.
Wer leistet in Österreich mehr unbezahlte Care-Arbeit?
Frauen und Mädchen: durchschnittlich 3 Stunden und 58 Minuten pro Tag, Männer und Buben 2 Stunden und 26 Minuten.
Warum ist Kinderbetreuung für den Arbeitsmarkt wichtig?
Professionelle Kinderbetreuung ist selbst Erwerbsarbeit und ermöglicht Eltern zugleich ihre eigene Erwerbsarbeit.
Was fordert der ÖGB bei der Kinderbetreuung?
Einen beitragsfreien Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag, flächendeckende und hochwertige Angebote, Öffnungszeiten, die mit der Erwerbsarbeit vereinbar sind sowie ausreichend Personal und gute Arbeitsbedingungen.