Mehr als nur eine Bildungsreise
Ein Besuch in Bosnien und Herzegowina zeigt, wie eng Migration, Geschichte und Arbeitswelt zusammenhängen
Für 14 junge Arbeitnehmer:innen und Lehrlinge ging es Ende April nach Bosnien: organisiert von der SOS Balkanroute und der Österreichischen Gewerkschaftsjugend (ÖGJ). Was als Bildungsreise geplant war, wurde sehr schnell zu viel mehr: zu einer intensiven Begegnung mit Geschichte, Gegenwart, Solidarität und unglaublich herzlichen Menschen.
Ein Reisebericht von Lea Kulas
Ankommen in Bihać: und mitten in der Realität
Nach unserer Ankunft in Bihać wurden wir direkt von Helfer:innen der SOS Balkanroute empfangen. Schon beim ersten gemeinsamen Abendessen war klar: Hier geht es nicht nur um Informationen, sondern um echtes Engagement und um Menschen, die jeden Tag vor Ort anpacken.
Am nächsten Tag bekamen wir Einblicke in die praktische Arbeit vor Ort. Wir besuchten die Küche des Roten Kreuzes, wo täglich für hunderte Menschen gekocht wird. Wir begleiteten Versorgungsfahrten und fuhren ins Camp Lipa. Orte wie diese „besichtigt“ man nicht einfach. Man geht durch, hört zu und nimmt sehr viel mit.
Auch der Besuch des Friedhofs in Bihać war ein Moment, der uns als Gruppe sehr still gemacht hat. Die SOS Balkanroute hat einen Friedhof errichtet, um der verstorbenen Geflüchteten zu gedenken. Zwischen den Grabsteinen wurde deutlich, wie grausam die Situation ist: Die Geflüchteten sind mit ihrer Flucht einem sehr hohen Risiko ausgesetzt: Manche mussten mit ihrem Leben zahlen.
Und dann gab es diesen einen Abend, der wahrscheinlich für immer in Erinnerung bleibt: Ein Helfer vom Roten Kreuz lud uns zu sich nach Hause ein. Es gab viel zu Essen, Trinken und wir haben gemeinsam gelacht: Und es wurde natürlich Kolo (Reigentanz) getanzt.
Dieser Moment hat eigentlich alles zusammengefasst, worum es bei dieser Reise ging: ehrlicher Austausch, echtes Interesse füreinander und diese unglaubliche bosnische Gastfreundschaft. Es war nicht einfach nur ein Programmpunkt: es war gelebte Solidarität und kultureller Austausch auf Augenhöhe.
Begegnungen mit Geflüchteten
Im Camp Lipa und bei den Versorgungen begegneten wir auch Geflüchteten. Manche waren erst seit wenigen Tagen dort, andere schon deutlich länger. Viele von ihnen sind auf der sogenannten Balkanroute unterwegs: oft unter extrem schwierigen Bedingungen.
Was besonders hängen geblieben ist: die Mischung aus Erschöpfung und Hoffnung. Einige erzählten vorsichtig von ihren Wegen, von Pushbacks, von Nächten im Wald. Andere wollten einfach nur reden, fragen, lachen. Diese Begegnungen waren respektvoll, manchmal vorsichtig, aber immer auf Augenhöhe.
Für uns war das ein Perspektivenwechsel. Migration wird politisch oft abstrakt diskutiert. Dort hatte sie Gesichter und Geschichten.
Zwischenstopp in Jajce
Auf dem Weg nach Sarajevo machten wir Halt im AVNOJ-Museum in Jajce. Der Antifaschistische Rat der Nationalen Befreiung Jugoslawiens tagte hier. Ein Ort, der zeigt, wie stark der Widerstand gegen Faschismus in dieser Region war und wie tief verwurzelt dieser Teil der Geschichte ist. Es war spannend zu sehen, wie sehr politische Bildung hier auch Identität bedeutet.
Sarajevo: eine Stadt mit bedrückender Geschichte
Sarajevo hat uns beeindruckt. Vielleicht auch, weil hier Geschichte nicht abstrakt ist, sondern in jeder Straße spürbar bleibt.
Im Museum der Belagerung von Sarajevo wurde uns noch einmal bewusst, was die Stadt während der Belagerung durchmachen musste. Wie es ist, fast vier Jahre eingeschlossen zu sein. Wie Menschen trotzdem Alltag organisiert, Kultur geschaffen und Würde bewahrt haben.
Wir trafen außerdem die bosnische Gewerkschaft in ihrer Zentrale in Sarajevo. Der Austausch über Arbeitsrealitäten, Herausforderungen und gewerkschaftliche Organisation war extrem spannend. Trotz unterschiedlicher politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen verbindet uns vieles: vor allem der Einsatz für faire Arbeitsbedingungen und soziale Sicherheit.
Helferin Azra
Ein ganz besonderes Highlight war der Besuch bei Azra, einer Helferin in Sarajevo. Sie zeigte uns nicht nur ihre Arbeit, sondern nahm sich viel Zeit für Gespräche. Gemeinsam mit ihr besuchten wir ein Camp und sprachen über die Herausforderungen in der täglichen Unterstützung von Geflüchteten: fehlende Ressourcen, politische Hürden, psychische Belastung.
Azra machte aber auch deutlich, warum sie weitermacht. Weil Wegsehen keine Option ist. Weil Solidarität für sie nicht abstrakt ist, sondern eine Haltung. Ihre Klarheit und ihre Menschlichkeit haben uns alle beeindruckt.
Was bleibt
Wir haben in diesen Tagen wahnsinnig viel gesehen, gelernt und diskutiert. Über Flucht und Migration entlang der Balkanroute. Über Krieg und seine Folgen. Über gewerkschaftliche Arbeit in unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Kontexten. Aber vor allem über Menschlichkeit.
Diese Reise war intensiv, manchmal emotional schwer, oft inspirierend und durchgehend bereichernd. Für uns als Gruppe, für jede einzelne Person. Man fährt nicht einfach nach Bosnien-Herzegowina und kommt gleich wieder zurück. Ein Teil von einem bleibt dort, bei den Menschen, bei den Gesprächen, bei diesem Gefühl von Zusammenhalt.
Und genau deshalb war es mehr als eine Bildungsreise.