Mehr arbeiten hui, mehr Urlaub pfui?
Beschäftigte sollen immer mehr leisten, länger und immer schneller arbeiten und nebenbei noch Familie, Pflege und den ganz normalen Wahnsinn des Alltags stemmen. Psychische Belastungen nehmen zu und der Fachkräftebedarf tut sein Übriges.
Dieser Artikel ist unter dem Titel „Mehr arbeiten hui, mehr Urlaub pfui“ in der Tiroler Tageszeitung erschienen.
Aber wenn Arbeitnehmer:innen mehr Zeit zur Erholung fordern, heißt es plötzlich: „Das geht nicht. Nicht finanzierbar. Zu teuer.“ Dieselben Stimmen jammern allerdings über fehlendes Personal und fragen sich, warum immer mehr Menschen erschöpft sind, Stunden reduzieren wollen oder überhaupt aus dem Beruf aussteigen. Vielleicht liegt es daran, dass man Menschen nicht bis zum Anschlag belasten und gleichzeitig erwarten kann, dass sie motiviert und gesund bis zum 70. Lebensjahr durchhalten.
Die Arbeitsverdichtung nimmt seit Jahren zu. Digitalisierung und Produktivität haben enorme Sprünge gemacht. Die Gewinne sind gestiegen. Nur wenn es um mehr Zeit für Arbeitnehmer:innen geht, ist Stillstand angesagt. Die letzte allgemeine Arbeitszeitverkürzung liegt mehr als 50 Jahre zurück. Sechs Wochen Urlaub für alle sind kein Luxus, sondern eine Antwort auf die Realität. Wer ständig am Limit arbeitet, braucht Erholung. Wer Kinder hat, weiß, dass fünf Wochen Urlaub und neun Wochen Sommerferien eine absurde Rechnung sind. Und wer Fachkräfte halten will, sollte nicht jede Verbesserung der Arbeitsbedingungen wie eine Naturkatastrophe behandeln.
Die Wahrheit ist: Im Wettbewerb um Arbeitskräfte zählen längst nicht mehr nur Lohn und Gehalt. Gute Arbeitsbedingungen und mehr Zeit werden immer wichtiger. Wer glaubt, Menschen mit immer mehr Druck und immer weniger Freizeit dauerhaft im Job halten zu können, lebt an der Realität vorbei.
Die Wirtschaft profitiert von steigender Produktivität, Innovation und Technologie. Fortschritt bedeutet nicht, immer mehr aus Menschen herauszupressen. Fortschritt bedeutet, dass ein besseres Leben für alle möglich wird. Und genau dafür steht auch eine sechste Urlaubswoche für alle.