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Keine Panik vor der Arbeitszeitverkürzung

Wir entzaubern die gängigsten Märchen und die hundert Jahre alten Gegenargumente

Weniger ist mehr: Die Zeit ist reif für die nächste gesetzliche Arbeitszeitverkürzung. Die letzte Verkürzung ist schon 45 Jahre her. Während sich jede/r zweite Beschäftigte in Österreich eine deutliche Arbeitszeitverkürzung wünscht, erstickt die Wirtschaft jegliche Versuche, die vorhandene Arbeit gerechter zu verteilen, sofort im Keim.

Aufgetischt werden stets die gleichen Argumente: „Das ist utopisch, nicht finanzierbar und kostet Jobs“ oder „Man dürfe die Wirtschaft nicht noch stärker belasten“ sind seit Jahrzehnten echte Verhinderungsklassiker.

Wir haben mit ÖGB-Arbeitsrechtsexperten Martin Müller die Argumente der Wirtschaftskammer unter die Lupe genommen. 


Behauptung Nummer 1: „Was mit Sicherheit nicht Wachstum und Arbeit schafft, wäre eine Arbeitszeitverkürzung. Eine Arbeitszeitverkürzung wäre Gift für Standort, Unternehmen und Arbeitsplätze.“ 

Martin Müller, ÖGB-Experte: „Schon bei der Forderung nach dem 8-Stunden-Tag im 19. Jahrhundert hat es geheißen, dass ist unmöglich, das bringt die Wirtschaft um. Im Kern geht es aus meiner Sicht weniger darum, die Arbeitskraft nicht zu haben, sondern viel mehr darum die Macht und die Kontrolle über die Arbeitszeit der Beschäftigten zu behalten.“ 
 


Behauptung Nummer 2: „Bereits jetzt gibt es auf Betriebs- bzw. Branchenebene Möglichkeiten, Arbeit flexibler zu gestalten und damit auch Arbeitszeit zu reduzieren.“ 

Müller: „Dafür gibt es keinen Beleg. In Wahrheit ist die Flexibilisierung keine Arbeitszeitverkürzung, sondern punktuell sogar eine Verlängerung der Arbeitszeit. Ich arbeite also nicht gleichmäßig verteilt, sondern an einem Tag mehr und an einem Tag weniger.

In aller Regel ist es ungleichmäßig verteilt nach den Bedürfnissen des Unternehmens. Bei den meisten flexiblen Arbeitszeitmodellen läuft es nach den Vorgaben des Unternehmers. Auch hier geht es um eine gewisse Kontrolle.

Das einzige Modell, das die Gestaltung den ArbeitnehmerInnen überlässt, ist die Gleitzeit. Aber auch da ist es so, dass die Menschen ja die die Arbeitszeit nach der Menge der Arbeit einteilen:  Niemand geht früher heim, wenn Arbeit am Tisch liegt. Selbst da ist die Gestaltungsmöglichkeit nur eingeschränkt gegeben.“  
 


Behauptung Nummer 3: „Verkürzung findet bereits statt. Ganz generell zeigt sich, dass sich die Arbeitszeit auch ohne Eingriffe von außen verkürzt.“   

Müller: „Das ist sogar richtig. Es gibt jedoch ein großes Aber: Arbeitszeitverkürzung findet auf individueller Ebene statt, in Form von Teilzeitbeschäftigung. Sehr oft ist die Teilzeit aber nicht ganz freiwillig. Das betrifft vor allem Frauen, für die es aus unterschiedlichen Gründen keine andere Möglichkeit gibt. Die Beschäftigten tragen die Last ohne Lohnausgleich.“ 
 


Behauptung Nummer 4: „Eine Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich würde Kaufkraft kosten. Die Menschen können sich also weniger leisten und kaufen. Das brauchen wir aber, um die Wirtschaft in Schwung zu halten.“

Müller: „Selbst die Wirtschaftskammer hat offenbar verstanden, dass Arbeitszeitverkürzung nur mit Lohnausgleich sinnvoll ist.“ 
 

"Unternehmen wollen Macht und Kontrolle über die Arbeitszeit der Beschäftigten behalten", sagt Arbeitsrechtsexperte Martin Müller


Behauptung Nummer 5: „Die Lohnstückkosten würden explodieren. Die gesamte Wettbewerbsfähigkeit Österreichs würde unter einer Arbeitszeitverkürzung spürbar leiden.“

Müller: „Lohnstückkosten bedeuten: Eine bestimte Stückzahl wird in einer Stunde produziert, die Stunde kostet mich also eine entsprechende Summe. Stundenlohn durch Stück sind also die Lohnstückkosten. Wenn die Stunde teurer wird, dann wird das Stück im Vergleich teurer. Das ist wichtig, wenn es um Investitionsentscheidungen geht.

Aber wenn es nur darum ginge, dann wäre die gesamte europäische Industrie jetzt in Bulgarien. Das ist sie aber nicht, weil die Lohnstückkosten nur ein Punkt sind und auch noch ganz viele andere eine Rolle spielen. Beispielsweise sozialer Friede, Infrastruktur oder das Bildungsniveau.“ 
 


Behauptung Nummer 6: „Arbeitszeitverkürzung verschärft den Fachkräftemangel.“

Müller: „Wir wissen seit Jahrzehnten, dass es einen Mangel gibt. Seit Jahren hätte man in die Ausbildung von Fachkräften investieren sollen. Ausbilden sollen immer die anderen, selbst will man nicht investieren.

Aus Wirtschaftssicht stellt sich die Frage: „Wann ist die beste Zeit für eine Arbeitszeitverkürzung?“ Die Antwort: „Nie. Denn im Wirtschaftsboom habe ich einen Fachkräftemangel, da müssen die Leute arbeiten. Und in der Krise können wir uns die Arbeitszeitverkürzung nicht leisten.“  


Behauptung Nummer 7: „Negativbeispiel Frankreich. Die Arbeitszeitverkürzung hat den Reality-Check nicht bestanden, wie das Beispiel aus Frankreich zeigt. Dort wurde die Verkürzung auf 35 Stunden mit weniger Wachstum, höherer Arbeitslosigkeit und weniger Wettbewerbsfähigkeit bezahlt.“ 

Müller: „Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Korrelation wird mit Kausalität verwechselt. Die wirtschaftlichen Probleme auf die Arbeitszeitverkürzung zurückzuführen, ist sehr oberflächlich.

Warum? Genau zu dem Zeitpunkt, als die 35-Stunden-Woche flächendeckend ausgeweitet werden sollte, gab es einen politischen Machtwechsel und Präsident Sarkozy kam ins Amt. Er hat weitgehende Ausnahmen eingeführt. Man kann daher eine seriöse Einordnung so nicht treffen. Fest steht jedenfalls: Frankreich hat die Arbeitszeit gekürzt und steht trotzdem noch immer.“
  


Behauptung Nummer 8: „Eine Verkürzung der Arbeitszeit in Höhe von 20 Prozent führt zu einer Reduktion der Wertschöpfung.“   

Müller: „Das ist beinahe eine No-Na-Aussage. Wichtig ist daher, entsprechende Kompensationen miteinzuplanen. Dann gibt es diesen Effekt nämlich nicht. Es gibt Modelle, die sagen: „Ich reduziere auf 80 Prozent und bekomme 90 Prozent bezahlt.“ Das ist nicht die volle Reduktion auf 80 und dadurch wird die Kaufkraft durch so etwas stabilisiert. Gleichzeitig kommen Menschen in Beschäftigung, die vorher arbeitslos waren. Daher haben diese nicht mehr nur 55 Prozent, also das Arbeitslosengeld, zur Verfügung, sondern 90 Prozent. 

Ein wichtiger Schritt wäre auch Arbeitszeitverkürzung durch Überstundenreduktion. Schon das würde eine gewisse Verteilung mit sich bringen. Außerdem: Je weniger Überstunden gemacht werden, desto weniger bleiben unbezahlt!“
 


Behauptung Nummer 9: „Wir brauchen Kurzarbeit, die wie eine temporäre Arbeitszeitverkürzung wirkt.“  

Müller: „Die Kurzarbeit IST eine Form geförderter Arbeitszeitverkürzung. Das längerfristig gedacht, wäre eine Möglichkeit zum Einstieg in eine dauerhafte Verkürzung. Die Kurzarbeit ist dabei sicher eine extreme Form, weil die Arbeitszeit in der Regel sehr stark verkürzt wird. 

Aber das Prinzip ist interessant: Ich reduziere die Arbeitszeit und der Ausfall wird kompensiert. So könnte man die Einführung abfedern. Also zum einen sagen, “Geförderte Arbeitszeitverkürzung ist super, wenn sie Kurzarbeit heißt“, auf der anderen Seite jedoch zu sagen, „Geförderte Arbeitszeitverkürzung ist schlecht, wenn es ein Modell der Gewerkschaft ist“ - das ergibt keinen Sinn.“   
 

Wie wir alle von einer Arbeitszeitverkürzung profitieren, haben wir auch in unserem Podcast "Nachgehört / Vorgedacht" beleuchtet. „Damit gibt es mehr Beschäftigung, die Produktivität wird gesteigert, die Beschäftigten sind zufriedener und wir schützen auch noch das Klima!“, so unser Gast Reinhold Binder, Bundessekretär der Produktionsgewerkschaft (Pro-Ge). 

Im Podcast kommt aber auch der Unternehmer Klaus Hochreiter zu Wort. Er verrät uns u.a. warum die Arbeitszeitverkürzung auf 30-Stunden in seinem Unternehmen eMagnetix „die beste Entscheidung war, die wir je getroffen haben“

 

 

 

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