Gewalt gegen Zugbegleiter:innen:
Zugbegleiter:innen sind eine unverzichtbare Säule des öffentlichen Verkehrs. Sie sorgen für einen sicheren und reibungslosen Ablauf im Zug, sind Ansprechpersonen für Fahrgäste und greifen ein, wenn es zu Problemen kommt. Gleichzeitig sind sie bei ihrer täglichen Arbeit zunehmend mit Aggression und Gewalt konfrontiert. Wie belastend die Situation mittlerweile ist, zeigt eine vom ÖGB und der Gewerkschaft vida Tirol im Sommer durchgeführte Befragung unter Tirols Zugbegleiter:innen. 119 Beschäftigte haben an der Umfrage teilgenommen. Die Ergebnisse zeichnen ein deutliches Bild: Aggressionen, Bedrohungen und sogar körperliche Angriffe gehören für viele zum Arbeitsalltag.
„Es ist unfassbar, dass Menschen bei ihrer Arbeit solchen Angriffen ausgesetzt sind. Wir sprechen hier von massiver Gewalt am Arbeitsplatz“, unterstreicht Tirols geschäftsführende ÖGB-Landesvorsitzende Sonja Föger-Kalchschmied den dringenden Handlungsbedarf. Die Folgen seien nicht nur körperlicher Natur. „Gewalterfahrungen können massive psychische Auswirkungen haben – von anhaltender Angst und Stress bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen oder Burn-out.“
Hohe Belastung und Stress im Arbeitsalltag
Die Befragung zeigt, wie stark die Zugbegleiter:innen bereits im Arbeitsalltag unter Druck stehen: Jede:r fünfte gibt darin an, seinen Beruf in 5 Jahren nicht mehr ausüben zu wollen. Zwei Drittel der Befragten erleben während einer Fahrt mittlere bis starke Stresssituationen. Ein Drittel berichtet sogar von starken Stresssituationen. Als häufigsten Grund für den Stress nennen die Beschäftigten mit 87 Prozent Situationen in Verbindung mit Fahrgästen. Dahinter folgen technische Defekte am Fahrzeug (83 Prozent) sowie fehlende Informationen des Infrastrukturbetreibers (81 Prozent). Für 74 Prozent ist es zudem besonders stressig, Konfliktsituationen alleine bewältigen zu müssen.
Mehr als zwei Drittel bereits bedroht
Besonders alarmierend sind die Ergebnisse zur Sicherheit am Arbeitsplatz. 36 Prozent – mehr als ein Drittel – fühlen sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeit eher nicht oder gar nicht sicher. Die Erfahrungen mit Gewalt und Aggression sind weit verbreitet: 69 Prozent wurden während ihrer Tätigkeit bereits bedroht, 89 Prozent wurden bereits beschimpft und jede:r Dritte (36 Prozent) wurde bereits körperlich angegriffen.
„Diese Zahlen zeigen ganz klar, dass wir ein massives Problem haben. Gewalt darf niemals als normaler Bestandteil des Berufs akzeptiert werden“, betont Föger-Kalchschmied. Zugbegleiter:innen hätten eine Schlüsselrolle im öffentlichen Verkehr und müssten ihre Arbeit sicher ausüben können. „Wir müssen deshalb auch die Nachbetreuung weiter ausbauen. Es gibt bereits Krisenintervention, aber angesichts der Belastungen braucht es hier entsprechende Strukturen und Unterstützung“, so die Tiroler ÖGB-Chefin.
10-Punkte-Plan muss endlich umgesetzt werden
Für Florian Guggenbichler, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft vida Tirol, zeigt sich die Problematik nicht nur in Tirol. „Leider beobachten wir eine ähnliche Entwicklung in ganz Österreich. Wir benötigen jetzt eine verbindliche Strategie, um die Sicherheit der Beschäftigten nachhaltig zu gewährleisten.“ Bereits zu Beginn des Jahres haben die innerbetrieblichen und überbetrieblichen Sozialpartner gemeinsam mit den zuständigen Ministerien einen 10-Punkte-Plan für mehr Sicherheit im Eisenbahnverkehr erarbeitet. „Wir fordern die Verantwortlichen mit Nachdruck auf, diesen Plan endlich konsequent und rasch umzusetzen“, so Guggenbichler.
Zentrale Maßnahmen für mehr Sicherheit
Aus Sicht von ÖGB und Gewerkschaft vida braucht es insbesondere folgende Maßnahmen:
- Gewaltvorfälle sichtbar machen
Die bestehende Meldeverordnung muss angepasst werden, damit Gewaltvorfälle systematisch erfasst und ausgewertet werden können. - Österreichweit einheitliches Meldesystem
Für alle rund 90 Eisenbahnverkehrsunternehmen braucht es ein einheitliches System. Nur auf Basis aussagekräftiger Daten kann ein österreichweites Lagebild erstellt werden. "Problemzüge", Risikostrecken und kritische Bahnhöfe können dadurch identifiziert und gezielte Maßnahmen – etwa eine verstärkte Polizeipräsenz – gesetzt werden. - Doppelbesetzungen auf besonders belasteten Verbindungen
Auf bekannten Problemstrecken darf das Zugpersonal nicht alleine gelassen werden. Doppelbesetzungen sind ein wesentlicher Beitrag zur Erhöhung der Sicherheit und können bei Konfliktsituationen deeskalierend wirken. - Freiwilliger Einsatz von Bodycams
Bodycams können präventiv wirken und im Fall eines Vorfalls zur Beweissicherung beitragen. - Schutzkleidung für gefährdete Beschäftigte
„Wenn mehr als ein Drittel der Zugbegleiter bereits körperlich angegriffen wurde, können wir nicht mehr von Einzelfällen sprechen. Gewalt darf kein Berufsrisiko sein, das Beschäftigte im öffentlichen Verkehr einfach hinnehmen müssen. Wer täglich für die Sicherheit der Fahrgäste sorgt, hat auch selbst ein Recht auf Sicherheit. Die Ergebnisse unserer Umfrage sind ein klarer Auftrag, jetzt zu handeln!“, betont Guggenbichler.