Tag der Pflege 2026
System am Limit – Politik gefordert
Der Pflegenotstand ist kein Zukunftsszenario – er ist längst Realität. Das betonen ÖGB Vorarlberg und die Fachgewerkschaften GÖD, GPA, younion und vida anlässlich des internationalen Tags der Pflege am 12. Mai. Gemeinsam richten sie einen klaren Appell an Politik und Gesellschaft: Die Zeit der Lippenbekenntnisse und Schönrederei ist vorbei. „Unser System funktioniert nur noch, weil Beschäftigte sich selbst ausbeuten. Wir fahren das System auf Verschleiß – und die Politik schaut zu“, beschreibt ÖGB- und vida-Landesvorsitzender Reinhard Stemmer unmissverständlich die aktuelle Situation.
Stemmer spannt den Bogen über alle Bereiche: „Ob in Spitälern, Pflegeheimen, der mobilen Betreuung oder der 24-Stunden-Pflege – überall stoßen Pflegekräfte an ihre Grenzen, verlassen den Beruf aus Erschöpfung oder reduzieren ihre Stunden, weil die Belastung schlicht nicht mehr tragbar ist.“ Stemmer macht deutlich, wohin der Weg auch angesichts einer Pensionierungswelle führt, wenn die Politik weiterhin zögert: „Wenn wir jetzt nicht handeln, steuern wir sehenden Auges auf einen Versorgungskollaps zu. Das betrifft nicht irgendwen – das betrifft uns alle. Jede Familie, jede Generation.“ Dabei seien die Lösungen längst bekannt: Mehr Personal, bessere Arbeitsbedingungen, sichere Finanzierung. „Was fehlt, ist einzig und allein der politische Wille.“
Über alle Bereiche hinweg zeigt sich ein gemeinsames Muster. Es fehlt an Personal, es fehlt an guten Arbeitsbedingungen, es fehlt an einer funktionierenden Gesamtstrategie. „Pflege wird organisiert wie ein Notbetrieb“, so Stemmer. Gleichzeitig steigt der Bedarf. Die Bevölkerung wird älter, Krankheitsbilder komplexer. Der Druck wächst – aber das System wächst nicht mit.
Spitalspflege: Reform ohne Personal ist kein Fortschritt
In den Landeskrankenhäusern zeigt sich die Krise besonders deutlich. Betten bleiben gesperrt, Stationen arbeiten am Limit. Thomas Steurer, Vorsitzender des Zentralbetriebsrates der Landeskrankenhäuser und Vertreter der GÖD, beschreibt die Situation nüchtern: „Das Problem beginnt nicht im Spital – es endet dort. Patient:innen bleiben im Krankenhaus, weil es draußen keine entsprechenden Pflegeplätze gibt. Der teuerste Systemteil wird zur Auffangstation für politische Versäumnisse.“
Chronische Unterbesetzung führt dazu, dass Betten gesperrt sind und Stationen eingeschränkt arbeiten. Die Versorgung hängt einzig daran, dass Pflegekräfte laufend Überstunden leisten und kurzfristig einspringen. Steurer kritisiert dabei auch die laufende Spitalsreform in Vorarlberg deutlich: „Eine Reform ohne Personal ist keine Reform – sie ist ein Risiko. Strukturen zu verändern, bringt nichts, wenn die Menschen fehlen, die darin arbeiten. Man kann ein System nicht gesund sparen.“ Steurer kritisiert auch die nicht vorhandene Zielsteuerung. „Stationen werden zusammengelegt, ohne Plan, wie die Spitalslandschaft zukünftig genau aussehen soll.“
Barbara Hübler, younion-Gesundheitssprecherin und Betriebsratsvorsitzende am LKH Hohenems, kritisiert vor allem die mangelnde Planbarkeit in dem Beruf: „Pflegekräfte wissen oft nicht, wann sie morgen frei haben. Wer ständig einspringen muss, kann kein Leben planen.“ Unplanbare Dienste, hohe emotionale Belastung und fehlende Regeneration seien längst Alltag. „Pflegekräfte tragen ein System, das sie selbst krank macht.“
Hübler und Steurer pochen daher auf den dringenden Ausbau der Nachsorge: Es braucht endlich genügend Übergangspflegebetten und Rehabilitationsplätze außerhalb der Spitäler. Solange diese fehlen, sind die Akutstationen chronisch überlastet – zum Nachteil aller.
Langzeitpflege: Versorgungslücken im Alltag
Abseits der Spitäler verschärft sich die Lage auch in der Langzeitpflege weiter. Marcel Gilly, Landesgeschäftsführer der GPA Vorarlberg, spricht von einem System, das im Alltag der Menschen versagt: „Wer einen Pflegeplatz braucht, wartet oft Jahre.“ Unterdessen sind weiterhin Betten wegen Personalmangels gesperrt. Zudem seien mobile Dienste unzureichend ausgebaut, Entlastungsangebote für Angehörige fehlen. Das Ergebnis beschreibt Gilly als „Pflege-Puzzle“: „Die Betroffenen müssen sich die Versorgung selbst zusammenbauen.“ Besonders betroffen seien meist Frauen. „Pflege wird auf Familien abgewälzt. Wer pflegt, zahlt oft mit Einkommen, Karriere und Pension.“
Die GPA fordert konkret: mehr Heimplätze, den Ausbau mobiler Pflegedienste sowie Tageszentren und Entlastungsangebote für pflegende Angehörige. „Die Arbeit im Pflege- und Betreuungsbereich verdient deutlich mehr Anerkennung. Unsere Kolleg:innen leisten körperliche und emotionale Schwerarbeit. Soziale Arbeit ist mehr wert, als ihr aktuell beigemessen wird“, so Gilly.
24-Stunden-Betreuung: Billiges System auf Kosten der Betreuenden
Ein besonders kritischer Bereich ist für Reinhard Stemmer die 24-Stunden-Betreuung. Er vertritt als vida-Landesvorsitzender auch die Interessen der Beschäftigten in diesem Bereich: „Die 24-Stunden-Betreuung hält das System am Laufen – aber zu welchen Bedingungen? Wir haben ein System geschaffen, das auf billiger, oft prekärer Arbeit basiert. Viele Betreuer:innen arbeiten unter Bedingungen, die wir in keinem anderen Bereich akzeptieren würden.“
Scheinselbstständigkeit, niedrige Einkommen, de facto nicht einhaltbare Arbeitszeiten und mangelnde Qualitätskontrolle sind laut Stemmer das Ergebnis eines politisch gewollten Billigsystems: „Wer Pflege nur als Kostenfaktor betrachtet, zahlt am Ende doppelt – mit schlechterer Qualität und mit dem Burn-out der Menschen, die das System am Laufen halten.“ Die vida fordert daher faire Arbeitsbedingungen, eine Regulierung der Vermittlungsagenturen und eine echte soziale Absicherung für alle in der 24-Stunden-Betreuung Tätigen.
Was es jetzt braucht
Die ARGE Gesundheits- und Sozialberufe – ÖGB, GÖD, GPA, younion und vida – fordert konkret:
1. Mehr Personal und verbindliche Personalstandards: Pflegeberufe müssen wieder attraktiv werden. Das gelingt nur durch faire Arbeitszeiten, verlässliche Dienstpläne und verpflichtende, bedarfsgerechte Personalschlüssel.
2. Faire Bezahlung und echte Anerkennung: Löhne und Gehälter müssen der Verantwortung entsprechen. Das gilt für alle Bereiche – von der Spitalspflege bis zur Behindertenarbeit.
3. Ausbau der Nachsorge: Übergangspflegebetten und Rehabilitationsplätze müssen ausgebaut werden, um Akutstationen zu entlasten.
4. Langzeitpflege stärken: Mehr Heimplätze, Ausbau mobiler Dienste, Tageszentren und Entlastung für pflegende Angehörige.
5. Reform der 24-Stunden-Betreuung: Faire Arbeitsbedingungen, Regulierung der Agenturen und soziale Absicherung für Betreuungspersonen.
6. Langfristige, öffentliche Finanzierung: Pflege muss solidarisch finanziert, öffentlich verantwortet und langfristig abgesichert sein – nicht dem Markt überlassen.
ÖGB-Landesvorsitzender Stemmer abschließend: „Pflege darf kein Geschäftsmodell und kein Sparposten sein. Ein guter Sozialstaat misst sich daran, wie er mit den Schwächsten umgeht. Wer die Pflege stärkt, stärkt die Gesellschaft. Die Lösungen liegen längst auf dem Tisch. Es braucht jetzt endlich den politischen Willen, sie umzusetzen und nicht wieder auf morgen zu vertagen.“
Der ÖGB Vorarlberg und die Gewerkschaften GÖD, GPA, younion und vida danken allen Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialbereich, die täglich mit großem Engagement und Menschlichkeit für das Wohl anderer arbeiten. Diese Leistung verdient nicht nur Respekt – sondern bessere Rahmenbedingungen.