Billig ist nicht automatisch günstig
Vergabeexperte Martin Schiefer erklärt, warum öffentliche Aufträge weit mehr sind als reine Preisfragen
Solidarität: Bei „Vergaberecht“ denken viele an trockene Paragrafen. Warum geht das Thema uns alle an?
Martin Schiefer: Das öffentliche Beschaffungsvolumen in Österreich beträgt rund 70 Milliarden Euro pro Jahr. Vergaberecht ist daher ein wichtiges wirtschaftspolitisches Instrument. Jede Vergabe entscheidet mit, ob die regionale Wirtschaft, Arbeitsplätze und ein verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeld gestärkt werden.
Solidarität: Was läuft derzeit schief?
Schiefer: Noch immer zählt oft der billigste Preis. Doch billig ist nicht automatisch günstig. Entscheidend ist, Qualität und faire Kriterien in Ausschreibungen zu verankern, damit Unternehmen belohnt werden, die faire Arbeitsbedingungen schaffen und Verantwortung übernehmen.
Solidarität: Wie sieht eine faire Vergabe aus?
Schiefer: Mit der Bundesvergabegesetz- Novelle (BVergG-Novelle) 2026 erhalten Gemeinden mehr Spielraum für regionale und rechtssichere Vergaben. So bleiben Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Österreich. Gleichzeitig fördern passende Vergabekriterien faire Arbeitsbedingungen, verhindern Lohn- und Sozialdumping und stärken Betriebe mit Stammpersonal und Lehrlingsausbildung.
Solidarität: Funktioniert dieses Modell auch in anderen Branchen?
Schiefer: Ja. Das Modell lässt sich weitgehend auf Liefer- und Dienstleistungen übertragen. Regionale Beschaffung sowie Umwelt- und Nachhaltigkeitskriterien können auch dort berücksichtigt werden. Unterschiede gibt es nur bei Schwellenwerten und Vergabeverfahren.