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Mechanikerin sitzt auf der Hebebühne und arbeitet an einem Auto
Dass die Nachfrage nach Fachkräften quer durch alle Branchen steigen wird, ist schon lange klar. Doch Arbeitgeber und Politik haben verabsäumt, mit aktiver Arbeitsmarktpolitik gegenzusteuern. pressmaster – stock.adobe.com

Arbeitsmarkt

Wo sind all die Fachkräfte? Eine Erklärung

Dass Menschen nicht arbeiten wollen und faul sind, wäre als Antwort nicht nur zu einfach, sondern vor allem falsch. Warum viele Fachkräfte gesucht werden, erklärt oegb.at

Quer durch alle Branchen werden Arbeitskräfte gesucht. Offene Stellen bleiben unbesetzt, obwohl gleichzeitig rund 400.000 Menschen arbeitssuchend sind. Wie kann das sein, fragen sich viele. Und gerne wird dann behauptet: „Die Leute wollen alle nicht mehr arbeiten, die Arbeitslosen kassieren lieber Arbeitslosengeld oder wenn überhaupt jemand arbeiten will, dann nur für viel Geld und wenig Stunden.“ Wie sonst könne es einen Fachkräftebedarf in Österreich geben? Dass das einfach falsch ist, beweist ein Blick auf Zahlen und Daten. 

Sie arbeiten! Beschäftigungsrekord 

Auf die Frage, wo die Fachkräfte in Österreich seien, gibt es eine einfache Antwort: „Sie arbeiten.” Mit knapp vier Millionen Arbeitnehmer:innen haben wir quasi einen Beschäftigtenrekord in Österreich erreicht. Im Vergleich zu 2010 sind es Anfang 2024 um rund eine halbe Million Menschen mehr.

Die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt der vergangenen Jahre ist aber auch auf eine steigende Erwerbsquote von Menschen über 50, nicht-österreichischen Staatsbürger:innen bzw. auf Zuwanderung zurückzuführen. Insgesamt geht das Arbeitskräftepotential jedoch schon seit mehreren Jahren zurück. 

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Sie gehen in Pension! Demografie 

Zum Beschäftigungsrekord kommt hinzu, dass die große Baby-Boomer-Generation in Pension geht und die jüngeren, nachkommenden Generationen wesentlich kleiner sind. Helmut Dornmayr vom ibw (Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft) sagte dazu im Juli 2022 in einem trend Artikel, dass "das Angebot von Arbeitskräften, das zuletzt nicht mehr wuchs, nun sogar zu sinken beginne". Es entsteht also eine Lücke zwischen Angebot und Nachfrage, wie das auf jedem anderen Markt auch passieren kann. Hier muss die Politik mit aktiver Arbeitsmarktpolitik gezielt gegensteuern.   

Laut demografischen Prognosen der Statistik Austria wächst Österreich bis 2050 zwar auf 9,6 Millionen Einwohner:innen, die Zahl der erwerbsfähigen Personen (15- bis 64-jährige) sinkt aber um rund 5 Prozent – also um rund 214.000 Personen. Und: ohne Zuwanderung wäre die Situation noch schlimmer. Rechnet man Zuwanderung und Abwanderung gegen, bleibt ein Saldo von nur 30.000 Personen (2014: 72.000), die der österreichische Arbeitsmarkt dringend braucht. 

Sie arbeiten weniger Stunden: Worklifebalance und Kinderbetreuung 

Österreich durchläuft einen Wertewandel. Während früher für viele Arbeit an erster Stelle stand, ist das vor allem für die junge Generation Z nicht mehr so. Gerade bei 20- bis 25-Jährigen stehen Freizeit, Freund:innen und Familie ganz oben. Geht es um den Job, dann zählen eine gute Arbeitsatmosphäre und eine ausgeglichene Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Arbeiten, um zu leben und nicht umgekehrt, also. Das zwingt auch Betriebe zum Umdenken. 

Die Betriebe, die das schon erkannt haben und darauf eingehen, haben kein oder zumindest deutlich weniger Probleme mit Personalmangel. Dazu zählen bessere Arbeitsbedingungen wie höhere Löhne und Gehälter, attraktive und planbare Arbeitszeiten sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. 

Andererseits arbeitet fast die Hälfte der Frauen in Teilzeit, die meisten davon, weil sie keine andere Möglichkeit haben. Sie müssen Kinder betreuen oder Angehörige pflegen und verdienen dadurch viel weniger als Männer, was sich auch auf ihre Pension auswirkt. Um das zu ändern, fordern die Gewerkschaftsfrauen einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbildungsplatz ab dem 1. Geburtstag und einen flächendeckenden Ausbau an Kinderbildungseinrichtungen in ganz Österreich.

Kämpfe mit uns für bessere Arbeitsbedingungen!

Die Gewerkschaften verhandeln höhere Löhne und Gehälter, kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen. Je mehr der Gewerkschaft beitreten, desto besser die Ergebnisse.

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Sie arbeiten in anderen Branchen: Arbeitsbedingungen verbessern 

Fachkräftebedarf ist immer wieder ein Thema. Jetzt aber suchen Unternehmen quer durch alle Branchen nach Arbeitskräften. Mit der Pandemie bzw. danach hat sich das Problem vor allem für den Tourismus und die Gastronomie verschärft. Abgesehen davon, dass der Tourismus von einer hohen Fluktuation betroffen ist, weil die Branche nicht zu den attraktivsten zählt, wurde sie durch zahlreiche Lockdowns, Kurzarbeit und Beschränkungen auch noch sehr unsicher.

Viele haben sich nach Jobs in anderen Branchen - beispielsweise in der Industrie - umgesehen. Die Vorteile von geregelten Arbeitszeiten und besserer Bezahlung veranlassen die Leute daher nicht, in die Gastronomie zurückkehren. Dazu kommt, dass auch ausländische Arbeitskräfte Jobs in ihren Heimatländern gefunden haben. Fehlende Neuanfänger:innen verstärken so das Problem des Fachkräftebedarfs.

Sie werden nicht ausgebildet: Lehrstellen anbieten

In den letzten zehn Jahren sind 10.000 Ausbildungsbetriebe verloren gegangen, nur 20 Prozent der Betriebe, die ausbilden können, tun das. Auch wenn wieder mehr Unternehmen Lehrlinge ausbilden, die Versäumnisse der letzten Jahre können nicht so rasch aufgeholt werden. Dazu kommt, dass miese Ausbildungsbedingungen viele potenzielle Fachkräfte vertreiben. Der aktuelle 5. Lehrlingsmonitor der Gewerkschaftsjugend zeigt auf, dass gut ein Viertel (26 Prozent) der Lehrlinge nicht im erlernten Beruf bleiben will. Und nur zwei von drei Lehrlingen sind mit ihrer Ausbildung zufrieden – ein Wert, der sich seit Jahren nicht verbessert. 

Sie dürfen nicht arbeiten! Spurwechsel für Migrant:innen ermöglichen

In Österreich schlummert Potential an Arbeitskräften, das aktuell nicht genutzt wird bzw. dem nicht ermöglicht wird arbeiten zu können. Das sind einerseits Frauen, die z.B. aufgrund fehlender Kinderbetreuung nicht Vollzeit arbeiten können, aber auch Menschen mit Fluchthintergrund, bei denen zu wenig darauf geschaut wird, welche Fähigkeiten sie mitbringen, und ob diese eingesetzt werden könnten.

Dazu brauche es einerseits eine rasche und auch kostenlose Feststellung der mitgebrachten Qualifikationen. Es macht nämlich keinen Sinn, dass z. B. eine Ärztin aus der Ukraine in Österreich als Heimhilfe arbeitet, nur weil ihr Anerkennungsverfahren so lange dauert und auch noch viel Geld kostet. Andererseits wäre es sinnvoll, das Potential der Menschen, die schon in Österreich sind, auch zu nutzen. Hier sollte unser Konzept "Spurwechsel" zum Einsatz kommen: Wenn jemand z. B. aus Tunesien – aufgrund von falschen Erwartungen – in Österreich einen Asylantrag gestellt hat, der mit hoher Wahrscheinlichkeit abgelehnt werden würde, aber als Techniker in Österreich ohnehin gebraucht wird, dann sollte diese Pension einen Antrag auf eine Rot-Weiß-Rot-Karte auch im Land stellen können. Denn einerseits Menschen aus Tunesien gezielt anzuwerben, aber jene, die schon da sind, ungeprüft nach Hause zu schicken entbehrt jeder Logik.

Um es abschließend mit den Worten von AMS-Vorstand Johannes Kopf zu sagen: „Betrieben kann nur geraten werden, sich diesen Tatsachen zu stellen und an Konzepten zu arbeiten, wie sie ihre Arbeitgeberattraktivität erhöhen können.” Dazu sei Unternehmen auch geraten, wieder mehr Wert auf Lehrlingsausbildung sowie die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter:innen zu legen. Zusätzlich dazu müssen auch die Arbeitsbedingungen verbessert werden und Löhne und Gehälter steigen.