Junge, laute Stimmen für faire Arbeit
Mit dem mittlerweile 6. ITUSA-Lehrgang war Wien wieder Treffpunkt junger Gewerkschafter:innen aus der ganzen Welt
Bei der ITUSA (International Trade Union School Austria) in Wien entwickelten junge Gewerkschafter:innen aus 17 Ländern auch heuer wieder Projekte und Strategien, um gewerkschaftliche Jugendstrukturen aufzubauen, bestimmte Berufsgruppen in ihren Ländern zu organisieren oder Gewerkschaftsarbeit für junge Menschen attraktiv zu machen. Organisiert vom ÖGB in Zusammenarbeit mit dem IGB (Internationaler Gewerkschaftsbund) fand der Lehrgang bereits zum sechsten Mal statt.
Die Ausgangslage ist nicht immer die gleiche, so kämpfen jungen Menschen in vielen Ländern mit prekären Jobs, Kinderarbeit und Angriffe auf Arbeitnehmer:innenrechte. Gewerkschaftliche Bildungsmaßnahmen ist besonders in Ländern mit gewerkschaftsfeindlichen Regierungen eine Herausforderung. Durch den Besuch des ITUSA-Lehrgangs konnten sie sich bestens für ihre Arbeit in ihrer Heimat aufrüsten und ihre Erfahrungen mit den anderen Teilnehmer:innen teilen.
Starke Netzwerke
„In einer globalisierten Welt, die von wirtschaftlicher Unsicherheit, geopolitischen Konflikten und wachsender Ungleichheit geprägt ist, kann keine Gewerkschaft allein bestehen. Wir brauchen starke Verbündete, starke Netzwerke und eine enge internationale Zusammenarbeit, um die Rechte der Arbeitnehmer:innen zu verteidigen“, begrüßte ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian die Teilnehmer:innen.
Gewerkschaftsfeindliche Gesetze
„In Ecuador ist es sehr schwer, sich für Menschenrechte einzusetzen“, erzählt María Paladines Córdova. „Wir haben es mit einer gewerkschaftsfeindlichen Regierung zu tun, das trifft junge Menschen besonders.“ Junge Menschen finden kaum reguläre Arbeit, die angebotenen Jobs sind oft prekär. Ecuador ist im aktuellen „Global Rights Index“ des IGB als eines der zehn Länder mit den schlimmsten Arbeitsbedingungen gelistet, was damit zu tun hat, dass Gewerkschaften regelrecht bekämpft werden. Der Regierungschef ist ein Großunternehmer, der nicht nur über politische, sondern auch über wirtschaftliche Macht verfügt, sagt die 28-Jährige: „Es gibt jetzt Ministerialvereinbarungen, die unabhängigen Gewerkschaftsdachverbänden die Teilnahme am Nationalen Rat für Arbeit und Löhne verwehrt.“ Neue Gesetze sollen Gewerkschaften stärker kontrollieren. Auch ihre Finanzierung kann gekürzt werden. „Wir haben es mit einer ganzen Reihe von Krisen zu tun, aber wir jungen Menschen kämpfen Tag für Tag für menschenwürdige Arbeit“, gibt sich die Juristin kämpferisch.
Kampf für Kollektivverträge
Die 35-jährige Emra aus Bosnien-Herzegowina hatte als junge Krankenschwester so viele Fragen zum Arbeitsrecht, dass sie ein Kollege nach einem Jahr im Spital fragte, ob sie nicht zur Gewerkschaft kommen wolle, wo sie sich seit mittlerweile acht Jahren für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt – im konkreten Fall für eine bessere Abdeckung durch Kollektivverträge. „In unserem Land sind nur 20 Prozent der Beschäftigten abgesichert durch einen Kollektivvertrag. Wir setzen uns im Verband dafür ein, dass alle im öffentlichen und im privaten Sektor Mindestrechte haben.“ Sonst wandern immer mehr Jugendliche nach dem Schulabschluss in EU-Länder ab, weil sie dort einfach bessere Arbeits- und Lebensbedingungen haben, erklärt Emra.
Bildung als Schlüssel für gute Arbeit
Wenig Chancen auf gute Arbeitsplätze, weil es an Bildung mangelt, ist auch in ihrer Heimat, der Elfenbeinküste, ein Riesenproblem für junge Menschen. Viele sind von Arbeitslosigkeit betroffen und gezwungen, Gelegenheitsjobs anzunehmen, schildert Aminata. Bei den Menschen, die im informellen Sektor arbeiten, ist es besonders schwierig: „Man muss also bei der Schulbildung und Alphabetisierung ansetzen. Das muss geschehen, noch bevor man überhaupt über die Rechte am Arbeitsplatz spricht.“
Unterstützung bekommt die Gewerkschaft, für die Aminata, 28, arbeitet, von der ILO (International Labour Organisation). Eine gemeinsame Sensibilisierungskampagne im Kampf gegen die Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen brachte Erfolge: „Wir waren in den Dörfern und haben mit den Bauern und Bäuerinnen gesprochen, um ihnen zu sagen, dass die Kinder zur Schule gehen müssen. Die Einschulungsquote nimmt zu. Es gibt also Fortschritte, wir arbeiten weiter daran.“
Die Antworten auf die Frage, was sie aus Wien für ihre Arbeit in der Heimat mitnehmen, sind ähnlich: „Ich habe mit den Gewerkschaftskolleginnen und Gewerkschaftskollegen Freunde und Freundinnen für das ganze Leben gewonnen“, freut sich Emra, der Erfahrungsaustausch wird weitergehen und sie auch künftig unterstützen.
Aminata betont, wie wichtig es ist, den Menschen die richtigen Informationen zu vermitteln: „Gewerkschaftsarbeit besteht nicht nur aus Kämpfen und nicht nur aus ständigen Streiks, der soziale Dialog muss im Vordergrund stehen.“
María schließlich nimmt die motivierende Erkenntnis mit, „dass es weltweit viele Menschen gibt, die sich für die Verteidigung der Rechte von Arbeitnehmer:innen einsetzen.“