Zum Hauptinhalt wechseln
Alexandra König und Daria Vogelberg von der Gleichbehandlungsanwaltschaft geben Einblick in ihre Arbeit, erklären gesellschaftliche Hintergründe und zeigen auf, welche Unterstützung es für Betroffene gibt.  Alex Pios – stock.adobe.com

Nicht nur ein Gefühl: Diskriminierung im Joballtag 

Wie LGBTQIA+‑Personen in der Arbeitswelt benachteiligt werden und wie die Gleichbehandlungsanwaltschaft rasch hilft

Nicht nur im Pride Month wird sichtbar, wie wichtig Gleichberechtigung und Schutz vor Diskriminierung für LGBTQIA+‑Personen noch immer sind. Gleichzeitig nehmen Gegenreaktionen und Anfeindungen in vielen Lebensbereichen zu, besonders auch in der Arbeitswelt. 

Was steckt dahinter, welche Erfahrungen machen Betroffene und was kann dagegen getan werden? Darüber haben wir mit Alexandra König und Daria Vogelberg von der Gleichbehandlungsanwaltschaft gesprochen. Sie geben Einblick in ihre Arbeit, erklären gesellschaftliche Hintergründe und zeigen auf, welche Unterstützung es für Betroffene gibt.

Warum löst die Sichtbarkeit der LGBTQIA+‑Personen so viele Reaktionen aus – vor allem oft negative? Was steckt hier dahinter?  

Alexandra König: Dahinter stehen grundlegende Fragen: Wer hat Rechte, wer darf Forderungen stellen – und wer wird ausgeschlossen? Es geht nicht um bloße Identitätspolitik, sondern um Zugang zu Ressourcen und Teilhabe. Gerade in Zeiten multipler Krisen werden Ängste gezielt auf bestimmte Gruppen gelenkt. 

Daria Vogelberg: Ganz genau - viele Reaktionen entstehen aus existenziellen Sorgen wie steigenden Preisen, Angst vor Jobverlust oder globalen Krisen. Populistische Akteur:innen greifen diese Unsicherheiten auf und geben einfache Antworten, indem sie bestimmten Gruppen die Schuld zuschieben. LGBTQIA+‑Personen werden so als „die Anderen“ dargestellt, gegen die sich eine Mehrheit angeblich verteidigen muss. 

Gleichzeitig ist die Community sichtbarer geworden und fordert Gleichberechtigung, was sie angreifbar macht und zusätzlich in den Mittelpunkt rückt. 

Welche gesellschaftlichen Mechanismen spielen eine Rolle? 

Daria Vogelberg: Ein wichtiger Hintergrund ist das heteropatriarchale System, also ein Gesellschaftssystem mit festen Rollen für Männer und Frauen, in dem Männer meist mehr Macht haben. Klare Geschlechterrollen und Hierarchien stehen im Vordergrund und Abweichungen davon werden abwertet. LGBTQIA+‑Personen stellen dieses System infrage und lösen dadurch Verunsicherung aus. 

Alexandra König: Zudem werden bestimmte Gruppen immer wieder öffentlich als Problem dargestellt, etwa historisch schwule Männer während der HIV‑Krise oder transgeschlechtliche Menschen in den letzten Jahren. Dadurch entsteht moralische Panik, die gezielt verstärkt wird. 

Wie zeigt sich Diskriminierung im Arbeitsalltag? 

Daria Vogelberg: In den Fällen von Diskriminierung im Job, die uns gemeldet werden, spielen häufig Beschimpfungen, Belästigungen oder Misgendering eine große Rolle. Auch Benachteiligungen bei Einstellung, Bezahlung oder Beförderung kommen vor. 

Ein Beispiel: Ein Mann wurde nach einem unfreiwilligen Outing im Betrieb massiv beschimpft und belästigt und konnte schließlich nicht mehr arbeiten. Erst mit Unterstützung der Gleichbehandlungsanwaltschaft reagierte das Unternehmen. Gleichzeitig wird ein großer Teil der Fälle gar nicht gemeldet. 

Daria Vogelberg Harun Çelik – ÖGB
In den Fällen von Diskriminierung im Job, die uns gemeldet werden, spielen häufig Beschimpfungen, Belästigungen oder Misgendering eine große Rolle. Auch Benachteiligungen bei Einstellung, Bezahlung oder Beförderung kommen vor. 
Daria Vogelberg
Erhalte jede Woche alle wichtigen Infos rund um die Arbeitswelt!
Jetzt Newsletter abonnieren!

Warum melden Betroffene Diskriminierung oft nicht? 

Daria Vogelberg: Diskriminierung ist sehr belastend und kann Angst, Scham und gesundheitliche Probleme auslösen. Viele Betroffene haben Sorge, dass ihnen nicht geglaubt wird oder dass sie negative Folgen im Job erleben. 

Deshalb überlegen sie lange, ob und wann sie darüber sprechen, und melden Vorfälle oft spät oder gar nicht. 

Was können Betroffene konkret tun? 

Alexandra König: Kolleg:innen sollten eingreifen, wenn sie Diskriminierung beobachten, und sich klar solidarisch zeigen. Es ist wichtig, Grenzen zu ziehen und betroffene Personen aktiv zu unterstützen. 

Führungskräfte haben die Pflicht, Vorfälle ernst zu nehmen, ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen und Maßnahmen zu setzen. Wenn sie wegschauen oder mitmachen, schadet das der gesamten Betriebskultur. 

Daria Vogelberg Harun Çelik – ÖGB
Führungskräfte haben die Pflicht, Vorfälle ernst zu nehmen, ein sicheres Arbeitsumfeld zu schaffen und Maßnahmen zu setzen. Wenn sie wegschauen oder mitmachen, schadet das der gesamten Betriebskultur. 
Alexandra König

Was ist für Betroffene besonders wichtig zu wissen? 

Daria Vogelberg: Eines müssen sie wissen und sich immer wieder vor Augen halten, nämlich den Satz: „Du bist nicht schuld und musst dich nicht schämen“. Die Verantwortung liegt immer bei den Personen, die diskriminieren. 

Es ist wichtig, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen und sich Unterstützung zu holen. 

Wenn es um Schutz vor Diskriminierung geht – gibt es noch Schwachstellen oder Lücken im Schutz? 

Alexandra König: Das Gleichbehandlungsgesetz schützt nicht in allen Lebensbereichen gleichermaßen. Während Diskriminierung aufgrund des Geschlechts auch außerhalb der Arbeit abgedeckt ist, gilt das bei sexueller Orientierung nur in der Arbeitswelt. 

Das bedeutet, dass Diskriminierung im Alltag, etwa bei Lokalbesuchen oder im Gesundheitsbereich, gesetzlich nicht erfasst ist. Diese Schutzlücke sollte dringend geschlossen werden. 

Wo bekommen Betroffene Unterstützung? 

Die Gleichbehandlungsanwaltschaft ist eine zentrale Anlaufstelle für Beratung und rechtliche Unterstützung bei Diskriminierung. Sie bietet kostenlose und vertrauliche Hilfe in ganz Österreich an. 

Telefonisch unter der Nummer 0800 206 119 bzw. per E-Mail

Wien, Niederösterreich, Burgenland: office@gaw.gv.at

Kärnten: office.ktn@gaw.gv.at

Oberösterreich: office.ooe@gaw.gv.at 

Steiermark: office.stmk@gaw.gv.at

Tirol, Salzburg, Vorarlberg: office.tsv@gaw.gv.at

Webseite: https://www.gleichbehandlungsanwaltschaft.gv.at/ 

Zusätzlich gibt es Online‑Informationen und Beratungsangebote.  

Wichtig: Wer Diskriminierung erlebt, ist nicht allein. Es gibt Unterstützung – und es lohnt sich, sie in Anspruch zu nehmen.