Jugend und Arbeit
Der Gender Pay Gap beginnt schon bei der Lehre
Mädchen und Burschen wählen unterschiedliche Lehrberufe – und damit oft auch unterschiedliche Einkommen. Mehr Berufsorientierung soll Jugendliche dabei unterstützen, ihre Berufswahl frei von Rollenbildern zu treffen
Das Wichtigste in Kürze
- Burschen wählen häufiger besser bezahlte Lehrberufe als Mädchen
- Der Gender Pay Gap beginnt damit teilweise schon bei der Berufswahl
- Mehr Berufsorientierung soll Jugendliche von Rollenbildern unabhängiger machen
- Frauendominierte Berufe müssen besser bewertet und bezahlt werden
Der Gender Pay Gap beginnt nicht erst im Berufsleben. Er kann schon bei der Wahl des Lehrberufs entstehen. Eine aktuelle Berechnung des ÖGB auf Basis der zehn am häufigsten gewählten Lehrberufe von Mädchen und Jungen zeigt: Jungen lernen deutlich häufiger in besser bezahlten Lehrberufen. Mädchen sind dagegen überdurchschnittlich oft in Berufen vertreten, in denen schon die Lehrlingseinkommen niedriger sind.
Das bedeutet: Bereits mit 15 oder 16 Jahren können Jugendliche eine berufliche Richtung einschlagen, die ihr späteres Einkommen wesentlich beeinflusst.
Mit 15 oder 16 Jahren entscheidet niemand bewusst: Ich will später weniger verdienen oder eine kleinere Pension haben.
Berufswahl darf keine Gender-Falle sein
Warum entscheiden sich Mädchen häufiger für bestimmte Berufe und Jungen für andere? Rollenbilder spielen dabei eine wichtige Rolle. Noch immer werden technische Berufe eher mit Männern und soziale oder pädagogische Berufe eher mit Frauen verbunden.
Genau hier muss Berufsorientierung ansetzen. Jugendliche sollen alle Möglichkeiten kennenlernen – unabhängig davon, ob ein Beruf traditionell als „Frauen-“ oder „Männerberuf“ gilt.
„Ein Mädchen muss wissen, dass Elektro- oder Labortechnik eine Option ist. Ein Junge muss wissen, dass Pflege, Büro oder Elementarpädagogik genauso Berufe mit Zukunft sind. Entscheidend sollte sein, was jemand kann und will – und nicht, was angeblich zu Frauen oder Männern passt“, sagt Huemer.
Die Österreichische Gewerkschaftsjugend (ÖGJ) fordert:
- mehr geschlechtersensible Berufsorientierung bereits in der Schule
- bessere Informationen über Einkommen und berufliche Entwicklungsmöglichkeiten
- Aufwertung und bessere Bezahlung frauendominierter Branchen
Frauenberufe sind nicht weniger wert
Für die ÖGJ ist aber klar: Die Lösung kann nicht lauten, dass Mädchen einfach andere Berufe wählen sollen. Denn wenn Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, schlechter bezahlt sind, ist das auch eine Frage der gesellschaftlichen Wertschätzung.
„Wir dürfen Jugendlichen nicht sagen: Sucht euch halt einen besser bezahlten Beruf. Wir müssen uns genauso fragen, warum Berufe, die überwiegend von Frauen gemacht werden, schlechter bezahlt sind. Arbeit mit Menschen ist nicht weniger wert als Arbeit mit Maschinen“, betont Huemer.
Top 3 Lehrberufe nach Geschlecht und deren Bezahlung
Frauen
1. Einzelhandel
- 1. Lehrjahr: 1.026 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 2.090 €
2. Bürokauffrau (abhängig von der Branche, hier niedrigster Wert)
- 1. Lehrjahr: 721 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 2.059 €
3. Friseurin (Stylistin)
- 1. Lehrjahr: 804 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 2.071 €
Männer
1. Elektrotechnik (Industrie)
- 1. Lehrjahr: 1.260 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 2.820,64 €
2. Metalltechnik (Industrie)
- 1. Lehrjahr: 1.093,49 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 3.009,80 €
3. Kraftfahrzeugtechnik (Industrie)
- 1. Lehrjahr: 1.093,49 €
- Anfangsgehalt/-lohn: 3.009,80 €
Was bei der Lehre beginnt, wirkt ein Leben lang
Ein geringeres Einkommen bedeutet nicht nur weniger Geld am Monatsende. Es kann sich über das gesamte Berufsleben auswirken – etwa auf das Lebenseinkommen und später auf die Pension. Auch das Risiko von Altersarmut wird dadurch beeinflusst.
Deshalb muss Gleichstellung früh beginnen. Jugendliche brauchen die Möglichkeit, ihre beruflichen Entscheidungen gut informiert und frei von Geschlechterklischees zu treffen. Gleichzeitig müssen jene Branchen aufgewertet werden, in denen überwiegend Frauen arbeiten.
„Viele Ungerechtigkeiten im späteren Leben beginnen schon in der Jugend: beim Einkommen, beim Lebenseinkommen und damit auch bei der Pension. Gleiche Chancen heißt deshalb auch gleiche Chancen auf ein gutes Einkommen und ein gutes Leben“, so Huemer.