Sommergespräch
Wo Gewessler mit dem ÖGB übereinstimmt – und wo nicht
Erbschaftsteuer, Hitze, Frauen: Im ORF-Sommergespräch setzte Leonore Gewessler auf Gerechtigkeit. Bei wichtigen Fragen der Arbeitswelt blieben konkrete Lösungsvorschläge allerdings Fehlanzeige
Das Wichtigste in Kürze
- Gewessler fordert einen stärkeren Beitrag sehr großer Vermögen, mehr Unterstützung für Frauen und Maßnahmen gegen die zunehmende Hitze. Damit liegt sie in mehreren Punkten nahe an Positionen des ÖGB.
- Löhne, Gehälter, Kollektivverträge, Arbeitszeit, Pensionen oder betriebliche Mitbestimmung? Diese zentralen Fragen der Arbeitswelt spielten kaum eine Rolle.
Erbschaftssteuer, Hitzeschutz, Kinderbetreuung und Gesundheit: Im ersten ORF-Sommergespräch des Jahres sprach Grünen-Chefin Leonore Gewessler auch über Themen, die Beschäftigte unmittelbar betreffen. In vielen Punkten gibt es deutliche Überschneidungen mit Forderungen des ÖGB. Bei klassischen Gewerkschaftsthemen blieb es dagegen erstaunlich still.
Wer soll für das Budget bezahlen?
„Dieses Budget ist in Zahlen gegossene Ungerechtigkeit“, sagte Gewessler und machte damit ihre Position deutlich. Sparen sei notwendig – aber nicht auf Kosten jener, die ohnehin wenig Spielraum haben.
Stattdessen verlangt sie einen Beitrag von Menschen, die Hunderte Millionen oder Milliarden erben. Eine solche Besteuerung großer Vermögen könne gleichzeitig Spielraum schaffen, um andere Einkommen zu entlasten.
Hier gibt es eine klare Schnittmenge mit dem ÖGB. Das ÖGB-Programm fordert eine Millionärssteuer auf große private Nettovermögen sowie Erbschafts- und Schenkungssteuern auf große Vermögensübertragungen.
Der Grundgedanke dahinter: Der Sozialstaat wird heute sehr stark über Arbeit finanziert. Wer große Vermögen besitzt oder erbt, soll stärker beitragen.
Hitze am Arbeitsplatz: Problembeschreibung reicht nicht
Schwerpunkt des Gesprächs war die extreme Hitze. Gewessler verwies ausdrücklich auf Arbeitnehmer:innen, die auf Baustellen, in Kindergärten, Pflegeheimen oder auf anderen Arbeitsplätzen hohen Temperaturen ausgesetzt sind.
„Diese Hitze ist auch hochgradig ungerecht“, sagte sie. Denn während manche der Hitze ausweichen könnten, müssten andere auch bei extremen Temperaturen weiterarbeiten.
Auch der ÖGB sieht Hitze längst nicht als Komfortproblem. Hohe Temperaturen gefährden die Gesundheit, senken die Konzentration und erhöhen das Unfallrisiko.
Bei den konkreten Konsequenzen geht der ÖGB allerdings weiter. Beschäftigte brauchen verbindlichen Schutz am Arbeitsplatz und klare Regeln für extreme Temperaturen. Ein erster Schritt wurde mit der neuen Hitzeschutzverordnung erreicht, die seit Jahresbeginn 2026 in Kraft ist: Sie verpflichtet Arbeitgeber dazu, für Arbeiten im Freien Schutzmaßnahmen zu setzen, sobald die GeoSphere Austria eine Hitzewarnung ab Stufe 2 (30 Grad) ausgibt.
Dass es kein allgemeines Recht auf Hitzefrei gibt, heißt auch nicht, dass Arbeitgeber bei Extremhitze keinen Handlungsbedarf haben. Sie müssen ihre Fürsorgepflicht wahrnehmen und Maßnahmen setzen, wenn Hitze zur Belastung oder Gefahr wird.
Gewessler sprach ausführlich über Klimaanlagen, Kühlung und Klimaschutz. Welche konkreten Rechte Beschäftigte bei gefährlicher Hitze haben sollen, blieb dagegen offen.
Kinderbetreuung entscheidet über Einkommen
Große Übereinstimmung mit der Bundessprecherin der Grünen es auch bei der Frauen- und Familienpolitik.
Gewessler fordert 50.000 zusätzliche Kinderbetreuungsplätze bis 2030, eine stärkere Beteiligung von Vätern an Karenz und Betreuung sowie mehr Lohntransparenz.
Dahinter steckt ein Problem, das viele Familien kennen: Unbezahlte Sorgearbeit ist noch immer ungleich verteilt. Wer wegen fehlender Kinderbetreuung Arbeitszeit reduzieren muss, verdient weniger – und bekommt später häufig auch eine niedrigere Pension.
Der ÖGB fordert deshalb ebenfalls einen massiven Ausbau hochwertiger, leistbarer und ganztägiger Kinderbildung sowie Maßnahmen für eine gerechtere Aufteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit.
Auch beim Einkommen ist die Position klar: Ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern muss beseitigt werden.
Einen Unterschied gibt es bei der konkreten Ausgestaltung der Karenz. Gewessler zeigte sich offen für eine verpflichtendere Aufteilung zwischen den Eltern. Der ÖGB setzt in seinem Programm unter anderem auf ein Familienarbeitszeitmodell und stärkere finanzielle Anreize für Väter.
Wo waren Löhne, Gehälter, Arbeitszeit und Pensionen?
So viele Schnittmengen es bei einzelnen Themen gibt, so auffällig sind die Leerstellen des Interviews. Über Kollektivverträge wurde praktisch nicht gesprochen. Über eine generelle Arbeitszeitverkürzung ebenfalls nicht. Arbeitslosigkeit, AMS, Pensionen und betriebliche Mitbestimmung spielten keine zentrale Rolle.
Dabei entscheiden gerade diese Fragen darüber, wie Menschen ihren Arbeitsalltag erleben und wie viel am Monatsende übrig bleibt.
Der ÖGB fordert unter anderem kürzere Arbeitszeiten bei vollem Lohn- und Personalausgleich, sechs Wochen Urlaub für alle, starke Kollektivverträge und mehr betriebliche Mitbestimmung.
Fazit
Gewessler setzte im Sommergespräch deutlich auf Gerechtigkeit. Bei der stärkeren Besteuerung großer Vermögen, beim Ausbau der Kinderbetreuung und bei der Anerkennung von Hitze als soziale Frage liegt sie in vielen Punkten nahe an gewerkschaftlichen Positionen.
Der ÖGB-Maßstab geht aber weiter: Gerechtigkeit muss auch direkt am Arbeitsplatz ankommen.
Bei Löhnen, Gehältern, Arbeitszeit, Kollektivverträgen, Pensionen und Mitbestimmung blieb dieses Sommergespräch viele Antworten schuldig.