Vier von zehn Arbeitslosen sind seit mittlerweile über einem Jahr ohne Job pressmaster - stock.adobe.com
Arbeitsmarkt

Auch Unternehmen sind für Arbeitslosigkeit verantwortlich 

Firmen entscheiden mit ihrem Einstellungs- und Kündigungsverhalten auch über die Arbeitslosigkeit von Menschen

Wenn es um Arbeitslosigkeit geht, liegt der Fokus in der öffentlichen Debatte meist alleine bei den Arbeitslosen und den Anreizen zur Arbeitsaufnahme. Die Verantwortung der Unternehmen zur Lösung des Problems bleibt meist unbeleuchtet. Dabei nehmen gerade sie eine große arbeitsmarktpolitische Rolle ein. Das sagt auch WIFO-Experte Rainer Eppel bei einem Mediengespräch am 30. November: „Mit ihrem Einstellungs- und Kündigungsverhalten und ihrer Arbeitsplatzgestaltung haben Unternehmen Einfluss auf die Arbeitslosigkeit und die Inanspruchnahme der Arbeitslosenversicherung.“

Unternehmen entscheiden über Arbeitslosigkeit

Unternehmen beeinflussen mit vielen Entscheidungen das Risiko arbeitslos zu werden oder zu bleiben: Melden sie offene Stellen dem AMS und besetzen sie diese mit Arbeitslosen? Geben sie Langzeitarbeitslosen überhaupt eine Chance oder werden andere Gruppen bevorzugt? Versuchen sie MitarbeiterInnen stabil zu beschäftigen? In welchem Ausmaß beschäftigten sie ältere und gesundheitlich eingeschränkte Arbeitskräfte? Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Aus- und Weiterbildung und Gesundheitsförderung bei angebotenen Jobs aus?

Die Antworten auf all diese Fragen sind entscheidend darüber, ob Arbeitslose einen neuen Job finden. Laut einer WIFO-Studie für das Jahr 2017 (Eppel, Huemer & Mahringer, 2020), entfallen zum Beispiel nur 27 Prozent aller Arbeitsaufnahmen auf arbeitslose Personen: 22 Prozent auf Kurzzeitarbeitslose und 5 Prozent auf Langzeitbeschäftigungslose. Die Mehrheit wechselt demnach von einem bestehenden Job in einen neuen.

Grafik: Wen stellen Betriebe ein? 73 % kommen aus einem bestehenden Job, nur 27 % waren davor arbeitslos

Lockdowns führen zu längerer Arbeitslosigkeit

Wegen des neuerlichen Lockdowns werden die Arbeitslosenzahlen wieder steigen, fürchtet Ingrid Reischl, Leitende Sekretärin des ÖGB. „Und für viele Arbeitssuchende wird es noch schwerer, einen neuen Job zu finden. Sie werden also noch länger erwerbslos bleiben.“ Zirka 40 Prozent aller Arbeitslosen sind aktuell schon mehr als ein Jahr arbeitslos. Auch im Vergleich zu Ländern, die Österreich ähnlich sind und von denen Österreich lernen kann (z. B. Schweden, Finnland, Dänemark, Norwegen, Niederlande), ist dieser Anteil hoch.  

Langzeitarbeitslose

Seit Beginn der Pandemie ist die Zahl der Langzeitarbeitslosen auf 111.000 gestiegen. Das heißt: Vier von zehn Arbeitslosen sind seit mittlerweile über einem Jahr ohne Job (Quelle: AMS November 2021).

„Die hohe Arbeitslosigkeit liegt nicht daran, dass Menschen nicht arbeiten wollen“, sagt die Leitende ÖGB-Sekretärin. Im Gegenteil. Man müsse sich auch ansehen, welche und wo diese Jobs angeboten werden. „Es kann nicht sein, dass 50-Jährige aufgrund ihres Alters keinen Job mehr finden, weil sie für viele Firmen ‘zu alt’ sind. Zudem werden schlechte Arbeitsbedingungen mit 12-Stunden-Tagen und geringer Bezahlung angeboten, die natürlich niemand annehmen möchte“, so die Gewerkschafterin.

Arbeitslosengeld in Österreich relativ niedrig

Zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit brauche es daher dringend treffsichere Maßnahmen für Qualifizierung, mehr AMS-MitarbeiterInnen für die Betreuung und Vermittlung von Arbeitslosen und „wir müssen die Betriebe in die Pflicht nehmen“, fordert Reischl. Denn sie entscheiden im Endeffekt auch darüber, ob jemand einen Job bekommt oder nicht.

„Sozialpolitisch hat die Arbeitsmarktpolitik das Ziel, soziale Risiken abzusichern und Armut zu verhindern“, bestätigt auch Lukas Lehner von der University of Oxford, in seiner Präsentation beim Mediengespräch. Häufig werde behauptet, Österreichs Arbeitslosengeld wäre nach längerer Dauer der Arbeitslosigkeit hoch. „Tatsächlich ist Österreichs Arbeitslosengeld im Ländervergleich auch für Langzeitarbeitslose relativ niedrig,” so Lehner.

Höheres Arbeitslosengeld bringt allen etwas – auch den Unternehmen 

Zu einer gelungenen Arbeitsmarktpolitik gehört auch, die Menschen vor Armut zu schützen. „Das Arbeitslosengeld muss daher endlich auf 70 Prozent der Nettoersatzrate erhöht werden!“, fordert die Leitende ÖGB-Sekretärin: Ein höheres Arbeitslosengeld hätte außerdem eine stabilisierende Wirkung, erhöhe das BIP, steigere die Kaufkraft und senke die Arbeitslosigkeit - „es bringt also allen etwas.

  

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