Digitalisierung
Kann Automatisierung den Fachkräftemangel lösen?
Künstliche Intelligenz kann Beschäftigte entlasten, aber fehlende Fachkräfte nicht einfach ersetzen. ÖGB-Experte Sebastian Klocker erklärt, welche Chancen KI bietet und was Österreichs KI-Strategie aus Sicht der Beschäftigten leisten muss
Kann Künstliche Intelligenz (KI) die Lücken des österreichischen Arbeitsmarktes füllen? Sebastian Klocker, ÖGB-Experte für Digitalisierung, analysiert die österreichische KI-Strategie AIM AT 2030 und erklärt, warum KI Pflegekräfte nicht ersetzen kann und welche Grundregel beim Einsatz im Betrieb gelten muss.
Das Wichtigste in Kürze
- KI kann Fachkräfte entlasten, aber nicht ersetzen
- Demografische Herausforderungen lassen sich nicht wegautomatisieren
- Österreich investiert in KI, muss aber Arbeitsqualität stärker berücksichtigen
- „Keine KI über Beschäftigte ohne Beschäftigte.“
Kann KI den Fachkräftemangel in Österreich lösen?
Sebastian Klocker: KI kann helfen, ist aber definitiv kein Ersatz für eine progressive Arbeitsmarkt-, Bildungs- oder Personalpolitik.
Gerade bei Dokumentation, Administration und Routineaufgaben kann sie Beschäftigte entlasten. In Bereichen mit Personalmangel kann das sehr sinnvoll sein.
Eine Pflegekraft soll möglichst viel Zeit für Menschen und möglichst wenig für vermeidbare Bürokratie benötigen.
Aber die Vorstellung, wir könnten unseren demografisch bedingten Arbeitskräftemangel einfach wegautomatisieren, halte ich für unrealistisch.
Was bedeutet KI für die Ausbildung junger Fachkräfte?
Eines ist klar: Wer Fachkräfte will, muss Fachkräfte auch ausbilden.
Wenn eine Kanzlei, Bank oder Redaktion alle einfachen Aufgaben automatisiert, stellt sich irgendwann die Frage: Wo lernen die Fachkräfte der Zukunft ihr Handwerk?
Ich bin überzeugt, dass KI Fachkräfte produktiver machen kann. Sie kann aber keine Pflegekräfte oder berufliche Erfahrung herbeizaubern.
Welche KI-Strategie verfolgt Österreich?
Österreich macht einige Dinge richtig.
Es gibt mit AIM AT 2030 eine KI-Strategie, in der menschenzentrierte und vertrauenswürdige KI zumindest als Ziel formuliert ist. Es wird in Forschung, Recheninfrastruktur und Qualifizierung investiert. KI und Dateninnovation sind Teil der Industriestrategie 2035, und mit der AI Factory Austria wird Infrastruktur und Know-how aufgebaut.
Wir müssen auch darüber reden, wem die Technologie gehört, wer über ihren Einsatz bestimmt und wie ihre Erträge verteilt werden.
Was fehlt in Österreichs KI-Strategie aus Sicht der Beschäftigten?
Was mir aber oft fehlt, ist ein gleich starker Fokus auf die Qualität der Arbeit.
Eine erfolgreiche KI-Strategie kann nicht nur daran gemessen werden, wie viele Start-ups, Rechenzentren oder Anwendungen wir haben.
Wir müssen auch darüber reden, wem die Technologie gehört, wer über ihren Einsatz bestimmt und wie ihre Erträge verteilt werden.
Eine KI-Strategie, die nur die technologische Wettbewerbsfähigkeit von Österreich in den Fokus stellt, greift zu kurz.
Entscheidend ist doch, ob der technologische Fortschritt das Leben der Menschen tatsächlich besser macht.
Wenn es nur eine Regel für KI in der Arbeitswelt gäbe: Welche wäre das?
Meine Regel wäre: Keine KI über Beschäftigte ohne Beschäftigte.
Die betriebliche Mitbestimmung ist der Garant dafür, dass KI sinnvoll und produktiv im Unternehmen eingesetzt wird.
Das würde natürlich auch heißen, dass Beschäftigte einen Anteil am Produktivitätsgewinn durch KI bekommen.
Denn damit verändert man auch die Logik der Debatte. Dann lautet die Frage bei einer neuen KI-Anwendung nicht mehr nur: „Wie viele Kosten können wir einsparen?“, sondern auch: „Was haben die Menschen davon, die diese Produktivität ermöglichen?“
Das kann mehr Lohn sein, vor allem aber auch kürzere Arbeitszeiten und bessere Arbeitsbedingungen.
Technischer Fortschritt ist erst dann gesellschaftlicher Fortschritt, wenn er den Menschen nicht nur mehr Produktivität, sondern auch mehr Zeit und mehr Freiheit bringt.
Wie verändert KI unsere Jobs? Mehr dazu in den Teilen eins, zwei und drei der Interviewreihe mit ÖGB-Digitalisierungsexperte Sebastian Klocker: