Gewerkschafterinnen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück
Sie kannten sich aus Wien, hatten gemeinsam für Frauen- und Arbeitsrechte gekämpft. Jetzt waren sie Häftlinge im Frauenkonzentrationslager und kämpften ums Überleben.
Es sollte ein Tag sein, an dem die Kinder ihr Elend vergaßen: Weihnachten im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück in Deutschland - rund 90 Kilometer nördlich von Berlin. Unter der Leitung der Gewerkschafterin Melanie Ernst organisierte das illegale internationale Lagerkomitee eine heimliche Feier. Die Frauen opferten ihre kargen Brotrationen, stahlen unter Lebensgefahr Fäden und Stofffetzen und nähten Kleider sowie Mützen. Gewerkschafterinnen zimmerten eine Kasperlbühne.
Als der Kasperl das Krokodil schlug, lachten die traumatisierten Kinder endlich. Mitten in die Freude stürmte der SS-Obersturmbannführer. Die verängstigten Kinder krochen unter die Bänke, doch der Kommandant gab sich huldvoll und versprach: „Wenn der Krieg aus ist, wird es euch allen gut gehen.“ Er log.
Am nächsten Vormittag wurden die Kinder vor dem Tor aufgereiht. Die Gewerkschafterinnen mussten hilflos mitansehen, wie die Kleinen hinausmarschierten – direkt in die Gaskammern. Alle.
Insgesamt waren zwischen 1938 und 1945 über 140.000 Menschen im Konzentrationslager Ravensbrück und Uckermark interniert. Am 30. April befreite die Rote Armee das Lager, es waren nur mehr rund 3.000 Häftlinge am Leben.
Im Inneren von Ravensbrück, 2026, Wartime Archive DE
Ein Netzwerk aus der Heimat: Die Frauen kannten sich
Was die Frauen in Ravensbrück zusammenschweißte, war ihre gemeinsame Geschichte als Gewerkschafterinnen und Genossinnen aus den Kämpfen der Ersten Republik sowie dem Widerstand gegen Austrofaschismus und Nationalsozialismus.
Maria Berner, die sich als 14-jährige Fabrikarbeiterin geschworen hatte, sich nie wieder zu ducken, kam im August 1943 mit dem Gestapo-Vermerk „Rückkehr unerwünscht“ im Lager an. Noch am selben Tag traf Berner auf Rosa Jochmann. Die beiden Gewerkschafterinnen hatten zuvor im Gefängnis Krems Zelle an Zelle gesessen und heimlich durch das Toilettenbecken miteinander kommuniziert.
Die Chemiegewerkschafterin und Widerstandskämpferin Rosa Jochmann war bereits im April 1940 ins Konzentrationslager deportiert worden. Sie war die Blockälteste, die den SS-Aufseherinnen zum Schein recht geben musste, um Strafen abzuwenden. Diese Instruktionen hatte sie von der ehemaligen Leiterin des AK-Frauenreferats Käthe Leichter erhalten. Die beiden kannten sich seit den 1920er-Jahren, als die Intellektuelle Käthe Leichter die junge Fabrikarbeiterin Rosa für die Gewerkschaftsarbeit begeistert hatte.
Der mörderische Alltag und die Oasen des Widerstands
Der Alltag in Ravensbrück war auf physische und psychische Vernichtung ausgelegt. Um Viertel nach vier Uhr morgens gellte die Sirene durch die Baracken. Es folgten überstürztes Bettenmachen, flüchtiges Waschen und ein karger Becher Kaffeeersatz. Dazu gab es eine einzige Scheibe Brot für den gesamten Tag. Der Hunger war ein ständiger, quälender Begleiter.
Wie brutal das System vorging, zeigte sich im tiefsten Winter: Eine entkräftete Frau schleppte sich zum Appell, der Eiter rann ihr bereits offen das Bein herunter. Weil sie angeblich nicht arbeiten wollte, schüttete die Aufseherin einen Kübel eiskaltes Wasser über sie. Die Frau erfror. Als eine Frau rief: „Das ist ja Mord!“, schlug ein SS-Aufseher brutal auf sie ein.
Doch selbst in dieser Hölle organisierten die Gewerkschafterinnen Räume der Selbstbehauptung. Käthe Leichter arbeitete in der Straßenbau-Kolonne. Sie musste Kies im Schubkarren führen und Steine schleppen.
Weil diese harte Arbeit im Freien selten kontrolliert wurde, nutzten die Frauen die Zeit für das illegale freie Wort, tauschten Nachrichten aus und vereinbarten Treffen. An Sonntagvormittagen veranstalteten sie verbotene Liederstunden auf den Blöcken, während Kameradinnen draußen Schmiere standen, um vor der SS zu warnen.
Der Sohn Käthe Leichters, Franz, spricht über die Freundschaft von Rosa Jochmann und Käthe Leichter. 2018, Wiener Bildungsakademie
Käthe Leichter: Lehrerin im Lager
Um Käthe Leichter scharte sich im Lager eine Gruppe von Intellektuellen und Arbeiterinnen. Rosa Jochmann schrieb später: „Genossin Leichter war die Seele ihres Blockes und uns ‚Politischen‘ die Lehrerin, die sie draußen gewesen war.“ Obwohl sie als Jüdin im Elferblock untergebracht und extremen Schikanen ausgesetzt war – unter anderem musste sie ohne Handschuhe schwere Ziegelsteine abladen –, blieb ihr Geist ungebrochen.
Käthe Leichter wurde zu den Schneiderinnen versetzt, konnte aber nicht nähen. Rosa Jochmann und andere machten ihre Arbeit. Währenddessen hielt Käthe Leichter vor den Frauen wissenschaftliche Vorträge über die Französische Revolution und die Arbeiterbewegung. Ihre Gedichte, wie der Aufschrei „Kleiner roter Ziegelstein“, mussten auf ihren Wunsch hin vernichtet werden. Sie sagte immer: „Ich habe sie ja im Kopf, und ich weiß, ich komme bestimmt nach Hause.“ Nur ein einziges überdauerte die Befreiung.
Widerstand in der Kartei: Leben stehlen
Das Lager wurde in vielen Bereichen von den Häftlingen selbst verwaltet. Maria Berner besetzte eine strategische Schlüsselposition im „Arbeitseinsatz“ und führte die Häftlingskartei. Gemeinsam mit ihrer Partnerin Anna Hand fälschte sie Listen, strich Namen von Transporten, vergab Nummern von Verstorbenen und tauschte den tödlichen „Judenstern“ gegen den roten Winkel der politischen Gefangenen.
Wer auf den Erschießungslisten stand, wurde von den Gewerkschafterinnen wochenlang im Felllager ganz oben auf den Stockbetten versteckt – verborgen unter Typhus- und Tuberkulosekranken, während die SS mit Hunden durch das Lager jagte.
Wer ermordet wurde – wer überlebte
Trotz des unbändigen Zusammenhalts schlug der Terror unbarmherzig zu. Käthe Leichter wurde im März 1942 für den Abtransport in den Tod selektiert. Am Abend davor schlich sich Rosa Jochmann heimlich in den jüdischen Block. Am nächsten Morgen gingen Rosa und Käthe Hand in Hand über die Lagerstraße. Käthe verabschiedete sich: „Rosa, grüße mir meine Buben. Und der Partei sage: Würde ich noch einmal leben, ich würde genauso leben.“
Sie wurde am 17. März 1942 in der Euthanasie-Anstalt Bernburg vergast. Als die Lastwagen mit den Kleidern und Brillen der Ermordeten ins Lager zurückkehrten, herrschte in Ravensbrück eine tagelange, lähmende Stille.
Auch Amalie Brust, eine freie Gewerkschafterin, die engen Kontakt zu Jochmann und Leichter hielt, erlebte die Befreiung nicht mehr; sie wurde am 18. November 1944 ermordet.
Andere Wege kreuzten sich im Chaos des Endes: Melanie Ernst wurde dank der gefälschten Kartei als „Französin“ getarnt und im April 1945 mit dem Schwedischen Roten Kreuz evakuiert. Andere flohen vom Todesmarsch in den Wald und überlebte in einem Bombentrichter – sie entkam so der SS, die eine Munitionsfabrik mitsamt den Gefangenen in die Luft sprengte.
Die vergessene Heimkehr und das Weiterleben mit den Wunden
Nach der Lagerbefreiung zeigte sich eine bittere Realität: Während andere Nationen Busse schickten, kam aus Österreich niemand. Die Frauen waren auf sich allein gestellt. Rosa Jochmann, vom Todesmarsch nach Ravensbrück zurückgekehrt, um Kranke zu pflegen, schlug sich eigenständig nach Wien durch. Sie marschierte zu Staatskanzler Karl Renner und mit Hilfe der Sowjets organisierte sie jene Lastwagen, die die überlebenden Österreicherinnen im Juli 1945 nach Hause holten.
Die Heimkehr bedeutete kein schnelles Happy End. Melanie Ernst gründete 1947 die Österreichische Lagergemeinschaft Ravensbrück mit, starb aber schon 1949 mit 56 Jahren an den Spätfolgen der Haft.
Die Publizistin und Religionswissenschafterin Insa Eschebach über lesbische Frauen im Konzentrationslager Ravensbrück, 2023, Rosa-Luxemburg-Stiftung
Maria Berner kehrte nach einwöchiger Odyssee mit Anna Hand nach Wien zurück. Als sie ein Kind adoptieren wollten, verweigerten die Behörden dies zunächst, weil Maria Berner eine vorbestrafte „Zuchthäuslerin“ war. Erst als die überlebenden Ravensbrückerinnen gemeinsam im Amt protestierten, erhielten die Frau die Erlaubnis. Maria und Anna durften die kleine Ilse aufziehen. Erst seit dem Jahr 1971 durften Anna und Maria offiziell als lesbisches Paar leben. Mizzi starb am 16. August 2000.
Rosa Jochmann wurde im September 1945 in den Nationalrat gewählt, war von 1959-1967 Vorsitzende der SPÖ-Frauen. Als Mitbegründerin und langjährige Vorsitzende des Bundes Sozialistischer Freiheitskämpfer und Opfer des Faschismus widmete sie ihr Leben dem Kampf gegen das Vergessen. Sie reiste unermüdlich als Zeitzeugin durch Schulen und warnte vor Rechtsextremismus und Antisemitismus. Sie starb am 28. Jänner 1994.
Was bleibt, ist das Vermächtnis dieser Gewerkschafterinnen: Ihr Überleben verdankten sie nicht dem Zufall, sondern einer tiefen, organisierten Solidarität. Faschismus: Niemals wieder.