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Besonders Männer behalten ihre Sorgen häufig für sich und hoffen, dass die Probleme von alleine verschwinden. Hilfe suchen sie oft erst dann, wenn die Belastung zu groß wird und sich auch körperlich zeigt. Azee/peopleimages.com - stock.adobe.com

Mentale Gesundheit

„Wenn es fast zu spät ist“

Manuela Scheffel, Expertin des Chancen Nutzen Büros im ÖGB, spricht über das oft verschwiegene Thema der mentalen Männergesundheit.

Depression, Suchterkrankung, Aggression, Burnout oder Suizidgedanken. Die Liste der mentalen Erkrankungen ist lang. Viele Menschen reden nicht über ihre psychischen Probleme. Dadurch werden sie oft nicht erkannt. Besonders Männer behalten ihre Sorgen häufig für sich und hoffen, dass die Probleme von alleine verschwinden. Hilfe suchen sie oft erst dann, wenn die Belastung zu groß wird und sich auch körperlich zeigt.

Manuela Scheffel, stellvertretende Leiterin des Chancen Nutzen Büro des ÖGB, beschäftigt und berät seit fast zwanzig Jahren Arbeitnehmer zu diesem Thema: „Mentale Männergesundheit ist ein Mix aus mentaler, psychischer, aber auch physischer Gesundheit. Es beginnt meist mental, aber wenn ich keine Lösung für das Problem finde, dann springt es auf die physische Gesundheit über. Es setzt den Männern also körperlich zu.“

Probleme in der Arbeitswelt nehmen zu

Die Arbeitswelt ist oft auch Auslöser für psychische Erkrankungen. Laut Scheffel nehmen Leistungsdruck und Stresssituationen zu. Es ist aber nicht nur die zusätzliche Arbeitsbelastung, die auf die Psyche drückt, sondern auch die zwischenmenschlichen Konflikte am Arbeitsplatz. Diese Probleme ziehen sich durch alle Branchen.

Sehr oft verschwinden die Grenzen zwischen der Arbeitswelt und dem Privaten. Sucht- und Beziehungsprobleme oder Schulden können Menschen nicht einfach am Betriebstor abstreifen. Scheffel geht davon aus, dass es zwischen 20 und 25 Prozent sind, die in der Arbeitswelt von Burnout betroffen sind - Männer ebenso wie Frauen.

Männer holen sich sehr spät Hilfe

Einen Unterschied gibt es aber, so Scheffel: „Frauen gehen schneller in eine Beratung und Männer brauchen oft ein, zwei Jahre oder wirklich einen totalen Zusammenbruch, bevor sie sich Hilfe holen.“

Nicht selten kommen Betroffene erst zu ihr, wenn sie bereits einen totalen Zusammenbruch hatten und nichts mehr geht.

Dabei gäbe es viele Warnzeichen, wann „mann“ bereits Unterstützung holen sollte. „Auf der emotionalen Seite sind es eine stärkere Gereiztheit, ein gewisses Aggressionspotenzial, Wut oder auch ein sozialer Rückzug. Auf der körperlichen Ebene sind es Schlaf- und Essstörungen oder hoher Blutdruck,“ weiß die ÖGB-Expertin.

Bild des starken Mannes

Warum aber holen sich Männer erst so spät Hilfe? Die Scham, sich eine mentale Erkrankung einzugestehen ist oft sehr groß. Zu hartnäckig hält sich das Bild des starken Mannes in unserer Gesellschaft.

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Neue Vorbilder

Für Manuela Scheffel ist klar: Es braucht ein neues Männerbild und besonders wichtig sind „männliche Vorbilder, die zeigen, dass es in Ordnung ist, auch traurig zu sein oder nicht immer alles geben zu können.”

Einer von ihnen ist der Kanadier Mitchell Hooper. Er ist 1,91 Meter groß, wiegt 152 Kilo und kann über 500 Kilo heben. Er gilt als einer der stärksten Männer der Welt. In einem Video, das weltweit viral gegangen ist, spricht er über das Thema mentale Männergesundheit und wie schlecht es auch ihm lange gegangen ist. Er kämpft mit den Tränen und sagt selbst, dass dies eines der „härtesten“ Videos ist, das er jemals gedreht hat.

Mit diesem Video will er auch anderen Männern Mut machen, die einen inneren Kampf führen, auch ehrlich damit umzugehen. Er macht klar, darüber zu sprechen, ist keine Schwäche, sondern Stärke.

Auch der österreichische Unternehmer Ferdinand Schönburg geht sehr offensiv mit dem Thema in die Öffentlichkeit. Er machte letztes Jahr eine Alpenüberquerung, um auf die oft verschwiegene mentale Gesundheit von Männern aufmerksam zu machen: „Ich wollte etwas tun, das sichtbar ist, aber nicht laut. Eine Wanderung quer über die Alpen hat dafür gut gepasst. Man geht Schritt für Schritt, man hat Zeit zum Nachdenken, man kommt mit Menschen ins Gespräch. Und genau darum ging es: nicht um einen sportlichen Rekord, sondern um ein Bild dafür, dass man weitergehen kann.“

Damit ist das Thema für ihn aber nicht erledigt: Ab September 2026 plant er eine Social-Media-Kampagne und den Aufbau eines Projekts mit dem Namen „Weiter“.

Einfach reden

Was aber können Außenstehende tun, wenn sie merken, dass es einem Mann aus ihrem Umfeld nicht gut geht? „Ganz einfach den Menschen ansprechen: Echtes Interesse zeigen. Der Traurigkeit und der Wut Raum geben. Keine Tipps, Tricks oder schnelle Lösungen anbieten,“ betont die ÖGB-Expertin Scheffel.

Auch Ferdinand Schönburg betont die Wichtigkeit eines offenen und ehrlichen Gesprächs: „Sobald einer beginnt, ehrlich zu sprechen, verändert sich die Atmosphäre. Dann erzählen Menschen plötzlich Dinge, die sonst im Alltag keinen Platz haben. Über Druck. Über Überforderung. Über Phasen, in denen sie nicht mehr konnten. Über Angehörige, Freunde, Kolleginnen oder Kollegen, bei denen sie gemerkt haben, dass etwas nicht stimmt.“

Vermeintlich schnelle Lösungen sind in Wirklichkeit keine Lösungen, sondern der Versuch, ein Problem möglichst schnell aus dem Weg zu räumen. Scheffel merkt immer wieder, dass genau diese Tipps den Betroffenen gar nicht weiterhelfen. Umso wichtiger sind Angebote, die Betroffenen bei ihrem Weg aus dieser Krise unterstützen.

Coaching beim Chancen Nutzen Büro

Wer Hilfe und Unterstützung braucht, der kann sich an das Chancen Nutzen Büro des ÖGB wenden. Es bietet kostenlos Seminare, Beratungen und Coachings zum Thema Erkrankung und Behinderung in der Arbeitswelt an. Das Team des Chancen Nutzen Büros ist in ganz Österreich und in allen Branchen unterwegs. Vor allem Betriebsräte, Behindertenvertrauenspersonen, aber auch Unternehmen selbst, kontaktieren das Chancen Nutzen Büro, wenn sie merken, dass es den Mitarbeiter:innen nicht gut geht.

„Wir arbeiten mit einem psychologischen Fragebogen, der herauskristallisiert, ob es ein gesundes, Schutzschirm-, Stress- oder Burnout-Verhalten ist. Und es ist ein sehr guter Türöffner, weil du dieses Ergebnis schwarz auf weiß hast. Es ist aber keine Diagnose, sondern nur eine Orientierungshilfe. Dazu gibt es ein Feedback-Gespräch“, erzählt Scheffel.

Wenn Betroffene merken, dass sie mehr Unterstützung brauchen, bietet das Chancen Nutzen Büro Einzelcoachings auch über ein paar Wochen oder Monate an. Das kann natürlich keine professionelle Psychotherapie ersetzen, aber es ist Teil des so wichtigen ersten Schrittes: Über seine Probleme zu sprechen und zu erkennen, dass man(n) Unterstützung bekommt, wenn man sie braucht.