Disability Pride: „Menschen mit Behinderungen müssen sichtbarer werden“
Alexander Ahrens, Barrierefreiheitsbeauftragter und Behindertenvertrauensperson, erklärt warum Disability Pride, Barrierefreiheit und Inklusion am Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderungen so wichtig sind
Das Wichtigste in Kürze
- Disability Pride bedeutet, Behinderungen sichtbar zu machen und die eigenen Fähigkeiten in den Mittelpunkt zu stellen.
- Vorurteile und mangelnde Barrierefreiheit erschweren vielen Menschen mit Behinderungen den Arbeitsalltag.
- Inklusion ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch eine Chance beim Fachkräftebedarf.
- Für mehr Offenheit braucht es Vorbilder, Sensibilisierung und einen Kulturwandel in den Unternehmen.
Alexander Ahrens ist Barrierefreiheitsbeauftragter und Behindertenvertrauensperson an der Medizinischen Universität Wien. Er ist selbst Rollstuhlfahrer. Die bessere Barrierefreiheit in der Mobilität war für den gebürtigen Berliner ein Grund, nach Wien zu ziehen. Im Interview mit oegb.at spricht er über Disability Pride, Barrieren im Arbeitsalltag und darüber, wie Inklusion besser gelingen kann.
oegb.at: Was bedeutet Disability Pride für dich?
Alexander Ahrens: Der Begriff „Disability“ bzw. „disabled“ ist eigentlich nicht besonders positiv, weil es „nicht fähig“ bedeutet und verweist damit auf vermeintliche Defizite. Für mich geht es darum, die Fähigkeiten von Menschen mit Behinderungen sichtbar zu machen. Niemand soll das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen.
Als Behindertenvertrauensperson möchte ich Kolleg:innen ermutigen, offen über Behinderungen oder chronische Erkrankungen zu sprechen. Viele Einschränkungen sind nicht sichtbar. Um Betroffene zu unterstützen, bieten wir deshalb im Herbst auch ein Empowerment-Training an, das Selbstbestimmung und Selbstvertrauen im Arbeitsalltag stärkt.
oegb.at: Mit welchen Vorurteilen werden Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz konfrontiert?
Ahrens: Oft wird ihnen weniger zugetraut. Manche nehmen Menschen mit Behinderungen nicht ernst genug. Gleichzeitig erleben viele aber auch das Gegenteil: Sie bekommen kein ehrliches Feedback, weil sich andere nicht trauen, Kritik zu äußern.
oegb.at: Welche Barrieren begegnen Menschen mit Behinderungen im Arbeitsalltag?
Ahrens: Es beginnt oft bei den baulichen Barrieren. Als Rollstuhlfahrer muss ich auf dem Weg ins Büro zahlreiche Hindernisse überwinden.
Dazu kommen je nach Beeinträchtigung viele andere Herausforderungen: Hörgeräte funktionieren nicht mit allen Telefonanlagen, Menschen mit kognitiven Einschränkungen kämpfen oft mit komplizierten Orientierungssystemen oder unübersichtlicher Kommunikation. Viele dieser Hürden erscheinen klein, begleiten die Betroffenen aber jeden Tag. Darüber offen zu sprechen, hilft oft schon viel.
oegb.at: Welche Rolle spielen Barrierefreiheitsbeauftragte?
Ahrens: Sie sind zentrale Ansprechperson für alle Fragen rund um Behinderung und Barrierefreiheit. Bei uns wird das intensiv genutzt. Die Anfragen reichen von barrierefreien Umbauten bis zu Fragen von Bewerber:innen.
Besonders wichtig ist, dass Beschäftigte und Führungskräfte jemanden haben, an den sie sich unkompliziert wenden können. Dieses angstfreie Nachfragen ist ein großer Vorteil und hilft dabei, Barrieren abzubauen.
oegb.at: Was können Arbeitgeber tun, um Arbeitsplätze inklusiver zu gestalten?
Ahrens: Es hat sich bereits viel verbessert, zum Beispiel durch höhenverstellbare Schreibtische, barrierefreie WCs, digitale Arbeitsmittel oder Homeoffice.
An der Medizinischen Universität Wien haben wir außerdem ein Inklusionsprojekt. Menschen mit Behinderung und Begünstigtenstatus können sich im Rahmen dieses Projekts auch außerhalb des regulären Verfahrens bewerben. In Kennenlerngesprächen schauen wir gemeinsam, welcher Bereich zu ihnen passt. Über geringfügige Stellen erhalten sie die Möglichkeit, auch ohne Studium oder als Quereinsteiger:in im Universitätsbereich Fuß zu fassen. Aus diesen ersten Beschäftigungen sind bereits mehrere unbefristete Stellen mit höherem Stundenausmaß entstanden.