Sandra Steiner: Gleichstellung ist eine Frage von Geld, Macht und Respekt
Die neue geschäftsführende Bundesfrauenvorsitzende des ÖGB erklärt, welche Veränderungen es bei Lohntransparenz, Arbeitszeit, Betreuung und Mitbestimmung braucht
Was bedeutet es dir, dich für Frauen einzusetzen – und was möchtest du als ÖGB Frauenvorsitzende bewegen?
Sandra Steiner: Für Frauen einzutreten, treibt mich seit Jahren an. Denn Frauen leisten einen enormen Beitrag für eine funktionierende Gemeinschaft und bekommen dafür noch immer zu wenig Anerkennung, Einkommen und Einfluss.
Als Betriebsrätin in einer männerdominierten Branche habe ich erlebt, wie hart Frauen für Selbstverständlichkeiten kämpfen müssen. Ich will, dass Frauen wirtschaftlich unabhängig leben, ihre Zukunft selbst bestimmen und ihre Leistungen fair bezahlt werden. Denn Gleichstellung ist eine Frage von Geld, Macht und Respekt.
Nur wer weiß, wie ein Gehalt zustande kommt, kann beurteilen, ob es gerecht ist.
Warum verdienen Frauen noch immer weniger als Männer?
Steiner: Ungleichheit beginnt oft unsichtbar, Frauen arbeiten häufiger in schlechter bezahlten Berufen und tragen noch immer den Großteil der Sorgearbeit. Das bedeutet weniger Geld im Börsel, weniger Pension und weniger wirtschaftliche Unabhängigkeit.
Wir kennen die Ursachen seit Jahren. Was fehlt, ist der Wille von Wirtschaftskammer und mancher Arbeitgeber:innen, sie konsequent zu beseitigen. Wir brauchen endlich wirksame Lohntransparenz, klare Regeln und echte Konsequenzen für jene, die Gleichbehandlung verhindern.
Was kann mehr Lohntransparenz daran ändern?
Steiner: Lohntransparenz wirkt vielleicht technisch, ist aber eine Frage der Fairness. Nur wer weiß, wie ein Gehalt zustande kommt, kann beurteilen, ob es gerecht ist. Was unsichtbar bleibt, wird selten verändert. Transparenz macht Ungleichheit sichtbar – und gleiche Bezahlung endlich durchsetzbar.
Mehrfachbelastung, Gewalt, Digitalisierung, längeres Arbeiten: Was muss sich für Frauen in der Arbeitswelt ändern?
Steiner: Wir müssen endlich aufhören, so zu tun, als hätten Frauen dieselben Voraussetzungen wie Männer. Viele Frauen gehen nach ihrem Job nicht nach Hause, sondern in ihre zweite Schicht: Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Familienalltag organisieren.
Wir brauchen flexible Kinderbetreuung, Arbeitszeiten, die zum Leben passen, Schutz vor Gewalt und Arbeitsplätze, die man auch gesund bis zur Pension ausüben kann. Ebenso wenig dürfen Technologien bestehende Ungleichheiten verstärken. Künstliche Intelligenz ist nur so fair wie die Daten, aus denen sie lernt. Deshalb müssen Gleichstellung und Antidiskriminierung von Anfang an mitgedacht werden.
Wir müssen endlich aufhören, so zu tun, als hätten Frauen dieselben Voraussetzungen wie Männer.
Brauchen Frauen mehr Einfluss und Gestaltungsmacht, damit Gleichstellung besser gelingt?
Steiner: Ja, unbedingt. Wer mitentscheidet, gestaltet die Zukunft. Solange Frauen nicht überall dort vertreten sind, wo über Geld, Arbeitszeit, Karrierechancen und die Zukunft der Arbeitswelt entschieden wird, werden ihre Interessen zu oft übersehen. Deshalb brauchen wir mehr Frauen in Betriebsräten, Führungspositionen, Aufsichtsräten, in der Politik und natürlich auch in den Gewerkschaften.
Die Rechte, die Frauen heute haben, wurden von mutigen Frauen durchgesetzt, die gesagt haben: Gleichstellung passiert nicht von allein. Ihr verdient mehr.