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Über die Auswirkungen prekärer Arbeit

Wer diesen Film gesehen hat, wird nicht mehr so schnell bei Amazon bestellen

Neuer Kinofilm von Ken Loach "Sorry We Missed You" zeigt, wie aus Hoffnung rasch Verzweiflung werden kann
Neuer Kinofilm von Ken Loach "Sorry We Missed You" zeigt, wie aus Hoffnung rasch Verzweiflung werden kann

Der Onlinehandel boomt: Computer, Kleidung, Bücher, Dekorationsartikel, Smartphones, Essen – es gibt fast gar nichts mehr, was nicht günstig angeboten und schnell vor die Haustür geliefert wird. Mittlerweile oft innerhalb nur weniger Stunden. Das Ziel: zufriedene Kundinnen und Kunden. Doch den Preis dafür zahlen andere: die PaketzustellerInnen. Täglich schleppen sie mehrere hundert Kilo, laufen zig mal Treppen hoch und Treppen runter und das acht Stunden lang – oft auch deutlich länger. Pausen sind aufgrund des enormen Zeitdrucks kaum möglich – eine Flasche zum Urinieren – wie wir sie auch aus Amazon-Lagern kennen – wird nicht selten im Lieferwagen mitgeführt. Hinzukommt, dass die ZustellerInnen sich immer wieder mit grantigen KundInnen und manchmal sogar mit boshaften Langfingern auseinandersetzen müssen.

Wenn die Hoffnung verblasst

Klar ist: Niemand arbeitet gerne unter solch unmenschlichen Bedingungen. Das Sozialdrama „Sorry We Missed You“ von Regisseur Kenn Loach macht deutlich, welche Strapazen und ausbeuterischen Praktiken Menschen dennoch bereit sind, auf sich zu nehmen, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen.

Ricky und Abby sind fürsorgliche Eltern, die für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten. Seit der Wirtschaftskrise 2008 schlägt sich Ricky mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs durch, während seine Frau Abby als Altenpflegerin sechs Mal die Woche oft bis zu zwölf Stunden am Tag arbeitet. Um ihren zwei Kindern ein besseres Leben bieten zu können, möchte Ricky sein eigener Chef werden. Mit dem Ersparten der Familie kauft er sich einen Lieferwagen und beginnt ein Franchise-Unternehmen als Botenfahrer. Doch statt des Erfolgs im Job entwickelt sich sein Neuanfang zu einer Katastrophe, und die Familie droht, daran zu zerbrechen. Weil ihm der Arbeitsstress kaum noch Zeit für seine Kinder lässt, bekommt er gar nicht mit, in welche Schwierigkeiten sein Sohn zunehmend gerät.

"Diese Menschen sind nur auf dem Papier selbstständig."

Eigener Chef nur auf dem Papier

Der ÖGB hat den Kinofilm unter die Lupe genommen und warnt: Geschäftsmodelle, die darauf abzielen, arbeits- und sozialrechtliche Standards durch Scheinselbstständigkeit zu umgehen, dürfen keinen Platz haben. Denn, wie „Sorry We Missed You“ zeigt, sind Menschen wie Ricky nur auf dem Papier selbstständig und müssen sich täglich die Seele aus dem Leib hetzen, um überhaupt eine angemessene Entlohnung zu bekommen. Sie arbeiten immer für denselben Dienstgeber, aber ohne angestellt zu sein. Und wenn etwas schiefläuft, tragen sie das volle Risiko.

Als Ricky zum Beispiel auf seiner Tour überfallen und krankenhausreif geprügelt wird, zögert sein Auftraggeber im Verteilzentrum nicht, ihn darüber aufzuklären, dass er für das ruinierte Scangerät genauso wie für gestohlene Waren aufkommen muss. Zusammengerechnet: einige tausend Pfund. Geld, das Ricky nicht hat. Er sieht keine andere Möglichkeit, als sich, ohne die Untersuchungsergebnisse abzuwarten, gleich wieder in seinen Lieferwagen zu setzen und verletzt weiterzuarbeiten.

Auch als Ricky für ein paar Stunden auf das Polizeirevier fahren muss, um sich um seinen Sohn zu kümmern, kommt es zu Problemen. Der Auftraggeber droht Ricky an, seine Fahrten, auf die der zweifache Vater angewiesen ist, an einen anderen zu übergeben. Genauso ist es, als sich Ricky eine Woche Urlaub nehmen will, um seine Familienangelegenheiten zu regeln: kein Verständnis, kein Mitgefühl.

Pflegerin mit Herz

Doch nicht nur Rickys Job ist schwer. Seine Frau Abby hat es als mobile Pflegerin täglich mit vielen unterschiedlichen PatientInnen zu tun. Ob jung oder alt, Frau oder Mann – jede und jeder einzelne von ihnen hat seine eigenen Probleme und Sorgen. Abby kümmert sich aufopfernd um ihre KlientInnen, spricht ihnen Mut zu, wäscht sie, versorgt sie mit Essen, macht ihre Betten. Ihr Job ist nicht nur körperlich, sondern auch psychisch sehr belastend. Sie kann sich nur schwer damit abfinden, dass viele dieser Menschen keine Familienangehörigen haben, die sie unterstützen. Das geht so weit, dass Abby sogar ihren freien Tag opfert, um einer Patientin zu helfen. Ihr Einsatz wird vom Arbeitgeber nicht gerne gesehen, von einer Bezahlung gar nicht zu reden. Kritisiert wird sie sogar dann, wenn ihr Patientenbesuch etwas länger dauert als eingeplant. Dass es hin und wieder zu mehr Aufwand kommt, wenn man sich um pflegebedürftige Menschen kümmert, lässt ihren Arbeitgeber kalt.

Familienleben leidet unter langen Arbeitstagen

Weil Ricky und Abby aufgrund ihrer finanziellen Situation gezwungen sind, 12 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche zu arbeiten, leidet das Familienleben. Das Ehepaar streitet immer öfter – auch darüber, wer sich frei nehmen soll und kann, wenn es dringende Termine einzuhalten gilt. Die Kinder sind auf sich selbst gestellt, bereiten sich ihre Mahlzeiten selbst zu, weil die Eltern erst lange nach Sonnenuntergang nachhause kommen. Während die Tochter versucht, alles richtig zu machen und den Eltern weitere Sorgen zu ersparen, kämpft der 15-jährige Seb verzweifelt um die Aufmerksamkeit der Eltern. So bringt er seinen Vater immer wieder zur Weißglut, begeht Ladendiebstähle und tut so, als würde er am besten wissen, wo es lang geht. Und das alles, obwohl er sich genauso wie seine Schwester Liza Jane nichts sehnlicher wünscht, als dass sie wieder eine glückliche Familie sind und mehr Zeit miteinander verbringen.

Auch wenn Abby mit der Zeit klar wird, dass sie ihr Leben so nicht weiterführen können, schafft sie es nicht, Ricky davon zu überzeugen. Er will für sich und seine Familie mehr als ein Leben in einer Mietwohnung und ignoriert die Möglichkeit, dass er diese Situation noch verschlechtern könnte, wenn er total ausgelaugt, verletzt und müde zur Arbeit fährt. Nach einem Happyend sucht man letztlich vergebens – nicht nur in „Sorry We Missed You“, sondern sehr oft auch in der realen Welt.

Viele Gedanken, eine Frage   

Prekäre Arbeitsverhältnisse, wie jene, denen Ricky und Abby ausgesetzt sind, gibt es nicht nur in Großbritannien, sondern weltweit. Wir alle kaufen Dinge online und bekommen sie geliefert. Und so gut wie jede/r von uns kennt jemanden, der in der Pflege beschäftigt ist. Und wir alle sollten uns ganz ehrlich die Frage stellen, die auch Ken Loach formuliert: Wollen wir wirklich in einer Welt leben, in der Menschen unter so einem enormen Druck und für so wenig Geld arbeiten müssen, nur damit wir es uns noch ein bisschen leichter machen?

Oder wollen wir uns doch lieber gemeinsam für ein gutes Leben für alle einsetzen, weil es so einfach nicht weitergehen darf? Für alle, die jetzt nicken, haben wir einen Tipp: Unterstützen Sie die Online-Petition für eine Arbeitszeitverkürzung im Sozialbereich. Die Beschäftigten in diesem Bereich leisten täglich wertvolle Arbeit, gehen an ihre Grenzen und verdienen unsere volle Solidarität.

Ach, und werden Sie Gewerkschaftsmitglied – denn nur gemeinsam sind wir stark!

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