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Präsentismus

Viele Arbeitnehmerinnen gehen krank zur Arbeit

Die Meldung zu Beginn dieser Woche, wonach zwölf MitarbeiterInnen der Mühlviertler Firma Technosert gleichzeitig Krankenstand angemeldet und vorgetäuscht haben sollen, hat heftige Reaktionen ausgelöst. Es wird ihnen Arbeitsboykott aufgrund angeordneter Überstunden vorgeworfen, die Firma hat zehn MitarbeiteInnen gekündigt, zwei haben die Firma von sich aus verlassen.

Missstände
Laut anonymen Quellen – wie Tips und Oberösterreichische Nachrichten berichten - würden dem vermeintlichen Protestkrankenstand langjährige Missstände im Betrieb vorausgehen. So würden Überstunden unter Androhung von Kündigung angeordnet, wenn diese nicht „freiwillig“ gemacht werden, MitarbeiterInnen gegeneinander aufgehetzt und jungen Müttern Pflegeurlaub verboten. Außerdem müsse nach zehn Stunden ausgestempelt, aber trotzdem weitergearbeitet werden, um die Höchstarbeitszeit nicht zu überschreiten.

Krankenstandstage rückläufig
Entgegen der Behauptungen, dass ÄrztInnen leichtfertig Krankenstandsbestätigungen ausstellen würden und MitarbeiterInnen Tachinierer wären, muss festgehalten werden, dass Krankenstandstage in Österreich seit 1980 rückläufig sind. In Zeiten, wo die Grippewelle auf ihrem Höchststand ist, ist es nicht ungewöhnlich, wenn mehrere MitarbeiterInnen zur selben Zeit erkranken. Das WIFO erhebt regelmäßig Daten, wie viele ArbeitnehmerInnen jährlich wie lange im Krankenstand sind. Während 1990 pro Kopf noch 15,2 Krankenstandstage anfielen, waren es 2016 nur mehr 12,5 Tage.

Phänomen Präsentismus
Nun sind rückläufige Krankenstandstage nicht nur ein gutes Zeichen. Denn rund 35 Prozent der ArbeitnehmerInnen in Österreich gehen krank in die Arbeit. In der Psychologie wird dieses Phänomen Präsentismus genannt. Das Problem dabei ist, dass kranke MitarbeiterInnen nicht nur sich selbst gefährden, weil sie die Krankheit verschleppen. Sie stecken auch KollegInnen an, sind weniger produktiv und treffen krankheitsbedingt vielleicht sogar teure Fehlentscheidungen oder verursachen Unfälle.

Warum gehen ArbeitnehmerInnen krank zur Arbeit?
Wissenschaftlich erforscht ist das Phänomen, warum Menschen krank zur Arbeit gehen, noch wenig. Eine Wirtschaftspsychologin aus Deutschland hat sich in ihrer Masterthesis mit dem Präsentismus beschäftigt und mit Hilfe eines wissenschaftlich entwickelten Fragebogens fünf Motive herausfinden können: Kollegialität, die Wahrung des sozialen Ansehens, das Pflichtgefühl gegenüber der Arbeit selbst, die Furcht vor negativen Konsequenzen und Ablenkung. Außerdem ist Präsentismus häufiger zu beobachten, wenn eines dieser ersten drei Motive besonders ausgeprägt ist.

Wer krank ist, soll zuhause bleiben
Scheinkrankenstände sind selbstverständlich nicht in Ordnung, ziehen arbeitsrechtliche Konsequenzen nach sich und sind auch kein Mittel für einen Arbeitskampf. Liegen die Krankenstandstage in einem Betrieb über dem Durchschnitt, sollte sich die Geschäftsleitung die Arbeitsbedingungen im eigenen Unternehmen ansehen. Denn schlechtes Betriebsklima macht krank. MitarbeiterInnen hingegen, die bei Krankheit eher zu Hause bleiben, sind langfristig gesünder, zufriedener und arbeiten produktiver.

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