ÖGB - Österreichischer Gewerkschaftsbund

Stark, stärker, Kollektivvertrag!

Wie viel Arbeit hinter den Verhandlungen steckt und wie sie ablaufen, wissen aber die wenigsten

Jedes Jahr im September starten die Metaller ihre Kollektivvertragsverhandlungen und läuten damit die Herbstlohnrunde ein. So auch dieses Jahr: Am 23. September wurden die gewerkschaftlichen Forderungen in der Wirtschaftskammer, wo viele der Verhandlungen stattfinden, an die Arbeitgeber übergeben. Neben ordentlichen Löhnen und Gehältern fordern die Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) und die Gewerkschaft der Privatangestellten, Druck, Journalismus, Papier (GPA-djp) unter anderem auch das Recht auf die 4-Tage-Woche.

„Alle Umfragen zeigen, dass sich die Menschen eine Arbeitszeitverkürzung wünschen. Die 4-Tage- Woche und die leichtere Erreichbarkeit der 6. Urlaubswoche sind dazu geeignet, in einer sich immer mehr verdichtenden Arbeitswelt ausgleichend zu wirken“, betont Karl Dürtscher, Chefverhandler der GPA-djp.

Letzte Besprechung und Abstimmung vor der Forderungsübergabe: Rainer Wimmer und Karl Dürtscher, Chefverhandler der Gewerkschaften PRO-GE und GPA-djp

Letzte Besprechung und Abstimmung vor der Forderungsübergabe: Rainer Wimmer und Karl Dürtscher, Chefverhandler der Gewerkschaften PRO-GE und GPA-djp

Jedes Jahr von Neuem 

Genauso wie es zur Tradition gehört, dass die Metaller im Herbst mit den Lohnrunden starten, malen die ArbeitgebervertreterInnen traditionell im Vorfeld oft alles schwarz. Heuer ist es nicht anders: Die wirtschaftliche Lage sei schlecht, zahlreiche Konjunkturdaten, Produktionszahlen und Firmen-Stimmungsbarometer zeigten nach unten, sagen die Arbeitgeber und erklären „die Party für beendet“. Weil die ArbeitnehmerInnenseite diesem Bild ein positiveres – aber realistisches – entgegensetzt, kann es leicht passieren, dass sich die Verhandlungen in die Länge ziehen. „Österreichs Metallindustrie war in den vergangenen Jahren äußerst erfolgreich.

2018 war  ein Rekordjahr und auch im ersten Halbjahr 2019 gibt es einen klaren Aufwärtstrend. Jetzt müssen die ArbeitnehmerInnen mit kräftigen Lohnerhöhungen davon profitieren“Rainer Wimmer, Vorsitzender PRO-GE

64 Stunden und sieben Verhandlungsrunden haben die Metaller letztes Jahr gebraucht, um ein sattes Lohnplus zu erkämpfen. Wie lange die KV-Verhandlungen allgemein dauern, ist schwer abzuschätzen. Das hängt von der Tradition und der Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ab und ist von Branche zu Branche unterschiedlich. So kommt es vor, dass in einer Branche ein akzeptables Ergebnis innerhalb von nur wenigen Stunden erzielt wird, während in einer anderen die Verhandlungen wochenlang dauern. Letzteres war in den vergangenen Jahren häufig bei den Metallern der Fall, immerhin geht es hier um fast 130.000 ArbeitnehmerInnen. Und dieser KV-Abschluss gilt als richtungsweisend für alle weiteren Kollektivvertragsverhandlungen.

Hinter den Kulissen

Das Kollektivvertragsgesetz in Österreich wurde vor fast genau 100 Jahren beschlossen. Heute gelten hierzulande 800 Kollektivverträge, jährlich werden über 450 verhandelt. Am Beispiel der Metaller zeigt sich, dass sich die Verhandlungsteams der ArbeitnehmerInnen und Arbeitgeber dabei nichts schenken: Auf einen Vorschlag folgt ein Gegenvorschlag – über diesen wird abgestimmt, dann weiterverhandelt oder die Verhandlungen werden unterbrochen. Die Verhandlungsteams setzen sich aus einem Kernteam und einem erweiterten Team zusammen.

Während das Kernteam die Verhandlung führt, hält sich das erweiterte Team im Hintergrund bereit – in örtlicher Nähe –, um die Vorschläge der Gegenseite zu prüfen.

Während das Kernteam die Verhandlung führt, hält sich das erweiterte Team im Hintergrund bereit – in örtlicher Nähe –, um die Vorschläge der Gegenseite zu prüfen.

Auf ArbeitnehmerInnenseite besteht das erweiterte Team u. a. aus BetriebsrätInnen, JuristInnen sowie Jugend- und FrauensekretärInnen, zur inhaltlichen Einschätzung bleibt ihnen meist nicht viel Zeit. Gibt es keine Einigung, kommt es zu weiteren Verhandlungen – in Härtefällen beschließen die Gewerkschaften auch Kampfmaßnahmen, die bis zum Streik reichen können.

Es geht um mehr als nur Einkommen 

98 Prozent der unselbstständig Beschäftigten in Österreich haben einen Kollektivvertrag (KV) – ein in Europa vorbildlicher Wert. Gerade für ArbeitnehmerInnen ist der KV eine wichtige Errungenschaft.

Die Liste der Vorteile, welche die Beschäftigten durch den KV haben, ist lang: Er ist Garant für die jährlichen Lohnsteigerungen, aber auch das 13. und 14. Monatsgehalt (Urlaubs- und Weihnachtsgeld) sind nur durch den KV gesichert, ebenso die Zuschläge für Überstunden oder der Ausgleich für erschwerte Arbeitsbedingungen – um nur einige wenige zu nennen.

„Ohne Kollektivvertrag und jährliche Verhandlungen würden viele ArbeitnehmerInnen ihr jetziges Lohnniveau gar nicht erreichen. Alle müssten einzeln mit dem Chef verhandeln." ÖGB-Präsident Wolfgang Katzian

Die KV-Verhandlungsteams haben erfolgreich dafür gekämpft, dass die Höchstgrenzen nur abgeschwächt gelten oder dass die Unternehmer einen Ausgleich dafür bezahlen und es sich nur in äußersten Notfällen auszahlt, an die Grenzen des Erlaubten zu gehen.

Beispiele dafür sind: zusätzliche bezahlte Pausen bei überlanger Arbeitszeit, Extra-Zuschläge oder 12-Stunden-Schichten nur mit Zustimmung des Betriebsrates.

Über KV-Verhandlungen Verschlechterungen von 12-Stunden-Tag-Gesetz abblocken

Über KV-Verhandlungen konnten die Gewerkschaften zudem viele Verschlechterungen abblocken, die das von der ÖVP/FPÖ-Regierung 2018 überfallsartig beschlossene 12-Stunden- Tag-Gesetz ermöglicht hätte.

Ohne solide Daten geht nichts

Die Forderungen der ArbeitnehmerInnen sind freilich nicht einfach so aus der Luft gegriffen: Bereits im Vorfeld der KV-Verhandlungen wird gründlich recherchiert und wirtschaftliche Rahmenbedingungen werden analysiert. Es gilt unter anderem aktuelle Wirtschaftsdaten zu erheben und aufzuarbeiten und Spezialauswertungen einfließen zu lassen – etwa jährlich durchgeführte Lohnerhebungen. Außerdem ist es für das Verhandlungsteam wichtig zu wissen, in welchen Beschäftigungsgruppen die Menschen arbeiten, sich mit BetriebsrätInnen auszutauschen, mit Beschäftigten zu sprechen und Eindrücke zu sammeln. 

Auch wenn die Wachstumsprognose für 2019/2020 leicht abgesenkt wird, sehen viele ExpertInnen darin keinen Grund zur Sorge. Denn im internationalen Vergleich entwickelt sich die Wirtschaft in Österreich gut. Außerdem „schwimmen die Industrieunternehmen nach dem langen Boom im Geld“, schreibt Markus Marterbauer, Chefökonom der Arbeiterkammer, auf Twitter. Besonders stark über ihrem langjährigen Durchschnitt liegen etwa Metallerzeugung und Fahrzeugindustrie. Die logische Folge sind daher gute Lohn- und Gehaltsabschlüsse. „Sie sichern das gute Leben der ArbeitnehmerInnen, die Kaufkraft und damit auch die heimische Wirtschaft“, sagt Wolfgang Katzian, ÖGB-Präsident. 

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